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Zucker für die Welt

Wer hätte gedacht, dass wir uns nach dem ganzen Brexit-Drama bei den Briten noch etwas abgucken können. Denn in Großbritannien sowie in über 30 weiteren Ländern wird bereits seit einiger Zeit eine zusätzliche Steuer auf zuckerhaltige Getränke erhoben. In Deutschland wird indes immer noch an dem richtigen Gesetz gefeilt. 

Veröffentlicht von Marie Mävers am 13. März 2020

Seit April 2018 gilt in Großbritannien eine Zuckersteuer für zuckerhaltige Getränke mit Ausnahme von Fruchtsäften, Getränken auf Milchbasis und den Produkten sehr kleiner Unternehmen. Getränkehersteller müssen für ihre starkgezuckerten Limonaden 20 % mehr Abgaben bezahlen. Dabei wird die Steuer ab einem Grenzwert von 5 g Zucker pro 100 ml fällig. Enthalten die Getränke nach Inkrafttreten des Steuergesetztes mehr als 8 g Zucker pro 100 ml fällt die Abgabe sogar noch höher aus. Diese Maßnahme hat gewirkt – viele Hersteller haben den Zuckergehalt ihrer Limonaden gesenkt, um den Mehrkosten zu entgehen z.B. hatte die „Fanta“ vor Ankündigung der Steuer einen Zuckergehalt von 6,9 g pro 100 ml und heute nur noch 4,6 g pro 100 ml. Der Zuckergehalt in Deutschland beträgt aktuell 9,1 g pro 100 ml. Aber warum kommen wir hier in Deutschland nicht weiter, wo doch 8,7 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig sind; 6,3 % sind adipös. Bei Erwachsene setzt sich dieser Trend fort, sodass jeder vierte in Deutschland als fettleibig gilt.

Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft gilt der Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Fettleibigkeit sowie Diabetesrisiko als „gesichert“. Das Trinken von Limonaden und anderen Zuckergetränken sei „mit einer Gewichtszunahme bzw. Adipositas verbunden“, bestätigt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind Zuckergetränke sogar eine der „wesentlichen Ursachen“ für Fettleibigkeit und Diabetes.

Wie sehr es an der Umsetzung in Deutschland mangelt zeigt folgende Aussage Dr. Fischbachs, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, mit der er beim Hamburger Strategietag vor gut einem Jahr an die Bundesregierung appellierte: „Es liegt kein Erkenntnismangel vor, wir haben ein Umsetzungsproblem“. „Wenn Zucker von 2015 bis heute um bis zu 12 Prozent billiger geworden ist, liegt der Fehler auf der Hand“, bekräftigte auch Dr. Effertz, von der Fakultät für Betriebswirtschaft der Universität Hamburg, seine Argumentation. Kein Eingreifen in die Lebensmittelindustrie verdeutlichen auch die Negativbeispiele „Nutella“ und „BigMac“: innerhalb des letzten Jahres wurde still und heimlich der Zuckergehalt von Nutella um ein Prozent angehoben und auch der BigMac verzeichnete einen Anstieg im Kalorien-, Zucker- und Salzgehalt.

Übrigens gab es in Deutschland in der Vergangenheit bereits eine Zuckersteuer. Das Gesetz stammte aus dem Überseehandel-Zeitalter des 19. Jahrhunderts. Abgeschafft wurde es 1993, weil die Verantwortlichen im Hinblick auf den Handel im europäischen Binnenmarkt eine Wettbewerbsverzerrung sahen.

Neben Fachkräften aus der Gesundheitsbranche fordert auch die Organisation foodwatch die Wiedereinführung der Zuckersteuer. Ginge es nach ihnen sollten starkgezuckerte und süßstoffhaltige Getränke mit einer 20-prozentigen Steuer belegt werden. Gleichzeitig sollen Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer gänzlich befreit werden. Neben dieser Befürwortung und Engagement muss sich die Organisation aktuell noch mit Falschaussagen zu Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes auseinandersetzen. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) behauptete kürzlich auf seiner Internetseite, dass es „keinen wissenschaftlichen Beleg“ dafür gebe, dass „Zucker für die Entstehung von Übergewicht und nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 verantwortlich“ sei. Außerdem seien „regulatorische Maßnahmen wie Steuern (…) keine geeigneten Maßnahmen, um das komplexe Übergewichtsproblem zu lösen“, heißt es in der Kampagne weiter.

„Die Zuckerindustrie macht es wie früher die Tabak-Konzerne: Mit haarsträubenden Falschaussagen täuscht sie die Öffentlichkeit, um unliebsame politische Maßnahmen zu verhindern oder zu verzögern. Wie viel wissenschaftliche Belege soll die unabhängige Wissenschaft noch liefern, damit die Zucker-Prediger mit ihren gesundheitsgefährdenden Märchen aufhören? Politikerinnen und Politiker sollten dem Zucker-Verband kein Wort mehr glauben – denn Fakten scheinen ihn nicht zu interessieren“, erklärte Luise Molling von foodwatch.

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