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Sport & Gesundheit

Sport ohne Seele

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft im arabischen Doha ist vor gut drei Wochen zu Ende gegangen. Die Fußball-WM an gleicher Ort und Stelle findet bereits im Winter 2022 statt. Dies habe ich zum Anlass genommen, als Leistungssportler und Sportbegeisterte, das Sporthighlight Revue passieren zu lassen und mir vor allem Gedanken darüber zu machen, was es für den Sport und die Gesellschaft bedeutet, erstmals in den arabischen Ländern große Sportereignisse stattfinden zu lassen. Es folgt ein Kommentar, dessen Wertung beeinflusst von einem Sportlerherz ist.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 30. Oktober 2019

Als Präsident der International Association of Athletics Federations (IAAF) sprach Sebastian Coe von „der besten Show in der Geschichte“. Für Zuschauer und Sportbegeisterte hingegen war es offensichtlich, dass bei der ersten Leichtathletik-WM in einem arabischen Land die Sportbegeisterung nicht im Vordergrund stand.

„Die Athleten der Welt haben die beste Show in der Geschichte der Leichtathletik-Weltmeisterschaften gezeigt, gemessen am Wettkampf-Leistungs-Ranking, das als objektives Maß für die Qualität einer internationalen Meisterschaft genutzt wird“, sagte Coe. (Als beste Leistung der Frauen führt die IAAF Mihambos 7,30-Meter-Satz auf. Als beste Leistungen der Männer die drei 22,90er-Weiten im irren Kugelstoß-Finale mit Joe Kovacs, Tom Walsh und Ryan Crouser.)

Dabei war das deutsche Team sogar sehr erfolgreich und dazu zählen nicht nur die herausragenden Weltmeistertitel von Weitspringerin Malaika Mihambo und Zehnkämpfer Niklas Kaul, ingesamt sechs Medaillen gab es für das 71-köpfige deutsche Team und damit eine mehr als vor zwei Jahren in London. Aber dass es im Sport eben nicht nur um Erfolge, um Maßband und Stoppuhr geht, hat diese WM erneut beweisen.

Unmenschliche Hitze für Marathonläufer und Geher, wenige Zuschauer im Stadion, keine Stimmung und Korruption bei der WM-Vergabe lassen diese WM für Sportler und Außenstehende als „Geister-WM“ zurück. Auch wenn die Veranstalter zur Halbzeit der Wettkämpfe reagierten und Freikarten verteilten, um die Tribünen im Khalifa Stadium endlich vollzukriegen und für ein bisschen Stimmung zu sorgen, kam selbst am Finalwochenende nicht die Stimmung auf, die es der besten Athleten der Welt würdig ist. Zumal diese Stimmung Minusgrade, bei über 40 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit, außerhalb des Stadions erreichte. Marathonläufer und Geher mussten ihre Wettkämpfe in der Nacht absolvieren, weil es tagsüber zu heiß war. Und auch diese Maßnahme bewahrte Top-Athleten nicht davor, in ihrer Disziplin, für die sie tagtäglich trainieren, den Wettkampf abzubrechen. Beim Marathon der Frauen mussten von 68 Starterinnen 30 ärztlich behandelt werden – für viele von ihnen waren Rollstühle nötig. Auch beim Marathon der Männer schafften es nur knapp über die Hälfte ins Ziel. Dass es bei dieser WM mehr um die beste Lichtshow im Stadion und Fernsehbilder ging und nicht um den Athleten, beweist auch die Tatsache, dass die Athleten sich erst offiziell beschweren mussten, bevor die Kameras an den Startblöcken der Sprinter und Sprinterinnen entfernt wurden. Diese sollten beim Start den besten Moment einfangen, filmten die Athleten allerdings direkt im Schritt.

Trotzdem gab es ihn – den emotionalen WM-Moment – den Grund warum die Zuschauer den Sport so lieben. Dazu musste allerdings erst der Stab von der schwedischen Stabhochspringerin Angelica Bengtsson brechen. Sie entging nur knapp einer Verletzung, ließ ihre Chance aber nicht ungenutzt, suchte sich einen Ersatzstab, der ihrem Sportgerät identisch war und sprang mit dem Stab der bereits ausgeschiedenen Französin über ihre persönliche Bestleistung.

Neben diesen herausragenden sportlichen Leistungen bleibt für mich der Beigeschmack einer Geister-WM, die vor allem den Athleten nicht gerecht wurde.

Das große Highlight steht aber noch aus. In drei Jahren hält das nächste große Sportereignis Einzug in die Wüste: die Fußball-WM findet erstmals in einem geographisch so kleinen Land wie Katar statt. Dass es sich beim großen Fußball, um das wirkliche Großereignis des Landes und der Stadt Doha handelt und die Leichtathletik-WM nur die Testversion war, überrascht in unserer Welt nicht, lässt aber immerhin hoffen, dass die Katarer bei diesem Ereignis eine größere Begeisterung zeigen. „Möglicherweise wird es sogar einfacher als mit der Leichtathletik-WM, weil Fußball eine Sportart ist, die, was die Begeisterung angeht, weltweit an der Spitze steht. Auch in Katar“, prognostiziert die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag (SPD). Das Land steht jetzt schon im Zeichen dieses Turniers. Doha zeichnet sich aktuell durch Großbaustellen aus: Autobahnen, U-Bahn-Linien, Luxushotels, neue Staatseinrichtungen – die Stadt wird praktisch rundumerneuert und hofft durch die Aufmerksamkeit der WM, anschließend für den Massentourismus gerüstet zu sein.

In nur acht Stadien findet die Fußball-WM statt und bricht damit erstmalig die FIFA-Regularien von zwölf Pflicht-Austragungsorten. Auch wenn Katar diese Anpassung erst nach der Vergabe bekannt gab, wirft es einen ersten Lichtblick auf diese WM. Nicht nur, dass weniger Stadien neu errichtet werden müssen, die Entfernungen zwischen den Stadien sind für Spieler und Fans sehr gering. Allein vier der acht Stadien sind in Doha, die übrigen vier in den umliegenden Städten. Es könnte folglich wirklich eine zuschauerfreundliche WM werden. Spannend bleibt, ob die Gastgeber sich von der Begeisterung anderer Fußballnationen anstecken lassen.

Ein kleiner „Funfact“ zum Abschluss: Obwohl in Katar der Islam Staatsreligion ist und eigentlich ein striktes Alkoholverbot gilt, soll für die Fußball-WM an bestimmten Orten Bier ausgeschenkt werden. Wenn sie als Fan vorhaben zur WM zu reisen, sollten sie den Alkohol aber zuhause lassen – am Flughafen in Doha gibt es ein spezielles Gerät, das Flaschen im Gepäck aufspürt und diese sind wie gesagt strikt verboten. Bleibt zu hoffen, dass die Fans sich die WM trotzdem nicht „schön trinken“ müssen, denn neben einer weiteren enttäuschenden Sportveranstaltung würde auch der Geldbeutel leiden, denn ein Glas Bier kostet in Doha 55 Riyal (rund 13,40 Euro).

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