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Ethik & Gesellschaft

Der Stern des Anstoßes

In Deutschland wird gegendert. Es gilt als Zeichen von Offenheit gegenüber Gleichberechtigung und Diversität. Wer gendert ist politisch korrekt, meinen viele. Doch leider stimmt das so nicht.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 26. April 2021

„Die Großbaustelle am Dammtorbahnhof ist eine enorme Gefahrenzone im Straßenverkehr für Fußgänger Stern innen, Radfahrer Stern innen und Autofahrer Stern innen.“

Sie finden den Text absurd? Wir auch. Und doch ist dies der Alltag von rund 350.000 Menschen in Deutschland, die aufgrund einer Sehbehinderung oder Erblindung auf Lesesoftware angewiesen sind. Das trendige Gendersternchen, das Emanzipation und Diversität unterstreichen soll, ist nicht barrierefrei und lässt auf dem Weg in die bunte Vielfalt Menschen mit Sehbehinderung am Wegesrand zurück.

Leider ist dies vielen nicht bekannt, deshalb geht es in der hitzigen Sternchendiskussion fast nur um Geschmack, Stil und die deutsche Sprachkultur. Friedrich Merz (CDU) hält den Gebrauch der Gendersprache sogar für rechtlich angreifbar, wie er vergangene Woche den Medien mitteilte. Er spielte damit nicht nur auf Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und den gendernden GRÜNEN an, sondern auf Frankreich, das allen staatlichen Institutionen untersagt habe, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden.

Wie sehr das Sternchen-Thema die Menschen bewegt, musste auch Annette Bruhns erfahren. Die Chefredakteurin des Hamburger Sraßenmagazins Hinz und Kunzt startete eine Umfrage zum Gendern und bekam überwältigendes Feedback aus der Leserschaft: „Wir wussten nicht, wie gespalten unsere Leserschaft bezüglich der Genderfrage ist. Es gibt Feministinnen, die gegen den Stern sind, und es gibt Feministinnen, die ihn unbedingt wollen, es gibt nicht-binäre Leser*innen, die sich mit dem Sternchen identifizieren und andere, die ihn als ihrer nicht würdig ablehnen. Unsere großartigen männlichen Leser dürfen sich übrigens gern unter „Feministinnen“ mitgemeint fühlen, auch sie bekennen sich so gut wie alle ausdrücklich zum Ziel der Gleichberechtigung aller Geschlechter. Sie sind genauso gespalten in der Frage, ob uns das sprachliche Gendern dabei hilft oder gar behindert. Die Frage entscheidet sich auch nicht entlang des Alters oder des Bildungsgrads. Ein 80-jähriger Leser mit Hauptschulabschluss hat sich dezidiert als Genderstern-Fan geoutet, eine 25-jährige intersexuelle Leserin lehnt ihn genauso massiv ab.“

Hat die Umfrage die Redaktion nun weitergebracht in der Frage, wie in dem Magazin zukünftig mit der Gendersprache umgegangen wird? „Wie man’s macht, macht man’s falsch. Oder: Wie man’s macht, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Sondern wichtig ist, dass Sie als unsere Leser*innen und wir als Ihre Redaktion dasselbe wollen: nämlich die Gleichstellung von Männern und Frauen sowie von Trans- oder Intersexuellen. Sie und wir wollen niemanden diskriminieren. Darüber sind wir uns sicherer denn je dank Ihrer Post. DAS scheint uns das Wichtigste!“

Diesem Appell von Bruhns schließen wir uns gerne an, denn Diversität und Gleichberechtigung sollten nicht von einem Schriftzeichen abhängen. Zudem lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten, über Barrierefreiheit nicht.

 

 

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