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Lemonaid: Eine „zuckersüße“ Geschichte über den Bürokratie-„Warnsinn“

Von der Gesellschaft geliebt, von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission heiß diskutiert: Lemonaid ist eine Bio-Limonade, die zu wenig Zucker hat. Und deshalb ist sie keine Limonade. Eigentlich. Seit Februar dieses Jahres ist sie es doch – aber nur mit Warnhinweis. Eine kurze Geschichte über ein Bio-Getränk zwischen Regularien, Gesundheitsaspekten – und eine gefühlte Irreführung der Verbraucher.

Veröffentlicht von Tanja Johannsen am 16. April 2021

Eigentlich ist es doch eine gute Absicht, die hinter Lemonaid steckt: Ein Unternehmen, das eine erfrischende Bio-Limonade mit wenig Zuckergehalt in Glasflaschen mit Keramikdruck produziert und vertreibt. Das kommt nicht nur unserer „überzuckerten“ Gesellschaft zugute, sondern auch der Umwelt: Bis zu 30 Mal kann ein und dieselbe Glasflasche durch den speziellen Druck wiedergenutzt werden ohne dabei immer wieder aufs Neue Etiketten produzieren zu müssen. Auch der soziale Aspekt kommt nicht zu kurz: Rund fünf Cent pro Flasche gehen an die rund 32 sozialen Projekten, die das Unternehmen weltweit unterstützt. Im Laufe der Jahre sind auf diese Weise rund sechs Millionen Euro zusammengekommen. Allerdings reicht die gute Absicht offenbar nicht aus, wenn es um Regeln und Definitionen in Deutschland geht.

Auf den Zucker kommt es an

Seit gut zwei Jahren streitet das Unternehmen mit den Vorgaben der Lebensmittelregularien. Was mit einer Aufforderung des Hamburger Amts für Verbraucherschutz, Lemonaid nicht als Limonade zu bezeichnen, begann, gipfelte ein Jahr später in eine Diskussion mit der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission (DLMBK) in Bonn. Der Grund: Lemonaid beinhaltet zu wenig Zucker, um sich als Limonade bezeichnen zu dürfen.

In Deutschland gibt es die Regel, dass 100 Milliliter Flüssigkeit mindestens 7 Prozent Zucker enthalten müssen, damit sich ein Getränk als Limonade bezeichnen darf. Lemonaidsorten enthalten allerdings nur fünf bis sechs Prozent. Die genutzte Auslobung „wenig Zucker“ wird wiederrum von der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg) kritisiert, denn dadurch würden Erwartungen bei Verbrauchern geweckt, die das Produkt nicht erfüllen würde. Denn die vergleichbare Bezeichnung „zuckerarm“ sei laut den europäischen Rechtsvorgaben der Health Claims-Verordnung nur bei Getränken mit einem Zuckergehalt bis 2,5 Gramm pro 100 Milliliter zulässig.

Ein Kennzeichen für weniger Zucker

Im Februar dieses Jahres wurde diese „Zuckergrenze“ nun vom DLMBK gekippt. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat die Kommission „einstimmig beschlossen, den Mindestzuckergehalt von Limonaden zu streichen und statt dessen einen üblichen Gesamtzuckergehalt von sieben Gramm pro 100 Milliliter oder mehr zu beschreiben.“ Das bedeutet, Getränke, die ohne Süßstoffe weniger Zucker verwenden, dürfen sich Limonade nennen, müssen dies aber Kennzeichnen.

In der Umsetzung bedeutet dies speziell für Lemonaid, die bisherigen Mehrwegflaschen mit unveränderlichem Keramikdruck zu vernichten und mitten in der Corona-Krise Millionen neuer Flaschen zu produzieren, was das Unternehmen als ökologischen Wahnsinn bezeichnet. Aus Protest gegen diesen „Bürokratie-Warnsinn“, wie es auf der Unternehmenswebsite heißt, prangt jetzt auf jeder Flasche ein Etikett im Stil der Zigarettenschachtel-Warnhinweise mit der Aufschrift „Achtung, wenig Zucker“. Darüber hinaus hat das Unternehmen offiziell Protest beim DLMBK zu der neuen Regelung eingelegt.

Unsere überzuckerte Gesellschaft

In Deutschland liegt der individuelle Zuckerkonsum laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) deutlich über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Laut IN FORM, Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung, nehmen Männer zwischen 15 und 80 Jahren im Durchschnitt täglich 78 Gramm freien Zucker auf, Frauen 61 Gramm. Dies entspricht 13 Prozent (Männer) bzw. knapp 14 Prozent (Frauen) der täglich aufgenommenen Kalorien (Energie-Prozent). Jugendliche und junge Erwachsene alleine betrachtet zeigen höhere Werte mit 102 g (17 Energie-Prozent) bei 15- bis 24-jährigen Männern und 79 g (18 Energieprozent) bei 19- bis 24-jährigen Frauen.

In einem gemeinsamen Positionspapier empfehlen die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft, die Zuckerzufuhr gemäß der Empfehlung der WHO auf maximal 10 % der Energiezufuhr (En%) zu begrenzen.

Es stellt sich daher die Frage, ob eine Kennzeichnung auf Limonaden mit weniger Zucker als üblich sinnvoll ist oder es nicht lieber umgekehrt sein sollte. Denn tatsächlich erwarten die Deutschen keinen Mindestzuckergehalt in Limonaden, wie eine repräsentative Umfrage von Lemonaid zeigt. Ihnen ist eher ein geringer Zuckergehalt wichtig und vor allem ein Hinweis auf einen hohen Zuckergehalt. Es bleibt abzuwarten, wie die Diskussion um die Kennzeichnungspflicht letztendlich ausgeht.

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