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Umwelt & Nachhaltigkeit

Nicht sexy genug?

Jährlich gehen weltweit 2,5 Milliarden Tonnen Lebensmittel  verloren, davon 1,2 Milliarden Tonnen bereits in der Landwirtschaft. Das sind 40 Prozent aller erzeugten Lebensmittel. Beschämende Zahlen, wenn man sich die globale Ernährungssituation und die Entwicklung der Treibhausgasemissionen ansieht. Die Umweltorganisation WWF hat hierzu kürzlich eine Studie veröffentlicht.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 18. August 2021

Vor einigen Jahren habe ich in einem Verlag gearbeitet, der seinen Schwerpunkt im Bereich Kochen & Genießen hat. Foodporn war damals das Maß aller Dinge. Essen musste sexy sein, es musste Lust machen und die Sinne wecken. Aber wann ist Essen eigentlich sexy? Wie krumm darf die Banane sein, wie gerade die Gurke und wie dick die Möhre? Fühlen unsere Sinne sich durch große Pampelmusen stärker angesprochen als durch kleine Limetten?

Im menschlichen Miteinander sind wir recht vielfältig unterwegs: dick, dünn, groß, klein, fest, weich, jung, alt – jeder hat da so seine Vorlieben. Für Lebensmittel scheint das nicht zu gelten. Die Möhren auf dem Foto habe ich auf meinem Balkon gezüchtet. In den Supermarkt hätten sie es nicht geschafft. Zu klein, zu krumm, zu unterschiedlich.

Laut einer Studie („Driven to Waste“) der Umweltorganisation WWF in Zusammenarbeit mit der britischen Supermarktkette Tesco gehen jährlich 2,5 Milliarden Tonnen Lebensmittel  weltweit verloren, davon 1,2 Milliarden Tonnen bereits in der Landwirtschaft – vor, während und direkt nach der Ernte. 40 Prozent aller global erzeugten Lebensmittel landen somit nie auf dem Teller!

Die Produktion von Lebensmitteln belegt viel Land und verbraucht enorme Mengen an Wasser und Energie. Die Daten des WWF-Berichts deuten darauf hin, dass zehn Prozent aller Treibhausgasemissionen durch Lebensmittelverschwendung entstehen. Dies entspricht fast dem Doppelten der Emissionen, die von allen in den USA und Europa in einem Jahr gefahrenen Autos erzeugt werden, so der Bericht.

Bislang wurde die Lebensmittelverschwendung von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) auf 1,2 Mrd. Tonnen geschätzt. Der jetzt ermittelte Anstieg resultiert aus erstmals vorgenommenen Schätzungen für die Verluste vor und während der Ernte bzw. vor der Schlachtung.

Auch in Deutschland ist die Datenlage zu Ursachen und Mengen der Lebensmittelverluste im Bereich der Primärproduktion nach wie vor lückenhaft. Es fehlen belastbare Zahlen dazu, wie hoch der Anteil ist, der auf dem Feld liegen bleibt oder statt auf dem Teller als Tierfutter oder Energielieferant in der Biogasanlage endet. Lebensmittelverluste auf der Ebene der landwirtschaftlichen Produktion sind in vielen Ländern oft nicht als Lebensmittelabfälle definiert. So gelten Verluste, die vor und während der Ernte und der Aufzucht von Tieren entstehen, in der EU-Abfallrahmenrichtlinie nicht als Lebensmittelabfälle. „Die Ergebnisse des Berichts zeigen, dass wir die gesamte Lebensmittelversorgungskette in die Pflicht nehmen müssen, damit bereits im ersten Glied der Nahrungskette weniger verloren geht“, sagt WWF-Ernährungsexpertin Tanja Dräger de Teran mit Blick auf die Lage in der EU und in Deutschland. Per Definition blendet die Politik derzeit Verluste aus, die rein systembedingt sind und unabhängig sind vom Wetter oder von Schädlingen. Dazu gehören zum Beispiel Überschüsse, die daraus resultieren, dass Vertragslieferanten gewährleisten müssen, ausreichend „Qualitätsware“ liefern zu können. Dazu gehören auch Preisschwankungen, die dazu führen, dass es bei gefallenen Erzeugerpreisen für den Landwirt kostengünstiger ist, unter zu pflügen statt zu ernten.

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat übrigens sehr klare  Vorstellungen, wie Lebensmittel zu sein haben. In ihren Vermarktungsnormen für Lebensmittel wird sogar der Reife- und Prallheitsgrad von Äpfeln festgelegt. Doch schlimmer als die Vermarktungsnormen sind die Lebensmittelhändler bzw. der Verbraucher. Schönheitsfehler wie zum Beispiel krumme, schiefe Früchte oder Erzeugnisse mit mehr oder weniger starken Schalenfehlern werden in den EU-Vermarktungsnormen durchaus toleriert. In den Supermarktregalen muss es aber nach wie vor meist makellos sein.

Inzwischen gibt es verschiedene Anbieter, wie beispielweise das Münchener Start-Up Etepetete, das in Kooperation mit Bio-Bauern krummes Obst und Gemüse vermarktet, das nicht supermarkttauglich ist. Der Verbraucher hat die Wahl zwischen verschiedenen Bio-Boxen.

Meine Möhren waren übrigens wahnsinnig sexy, vor allem in Verbindung mit veganer Aioli: 120 ml Sojadrink, je 1 TL Apfelessig und Zitronensaft, 240 ml neutrales Öl, Salz und Knoblauch nach Belieben solange mixen bis eine cremige Konsistenz entsteht. Guten Appetit!

One thought on “Nicht sexy genug?”

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