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Kinderschutz

Pflegefall „Leben“

Ein Kind aus seiner Familie herauszunehmen ist für das Jugendamt der wirklich letzte Schritt. Trotzdem stieg die Zahl der Kinder, die zur Vollzeitpflege in Pflegefamilien leben, kontinuierlich von gut 60.000 Kindern im Jahr 2008 auf den bisherigen Höchststand von mehr als 81.000 im Jahr 2017.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 9. Oktober 2019

Der Grund für die steigende Zahl ist vielfältig, trotzdem muss an den Ursachen angesetzt werden, um die Kinder zu schützen. Immer häufiger kommt es zu der Situation, dass Familien die Kinder nicht weggenommen werden, sondern die Eltern aufgrund von Überforderung auf das Jugendamt zukommen. Die folgende „Inobhutnahme“ bezeichnet im Jugendamtdeutsch die Zeit, in der die Kinder vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Der Bundesregierung zufolge liegt die durchschnittliche Aufenthaltslänge in Kinder- und Jugendheimen relativ konstant bei etwa 16 Monaten. In den Pflegefamilien stieg sie jedoch von 27 Monaten im Jahr 2008 auf heute inzwischen 30 Monate an. Durchschnittlich verbringen die Kinder also zweieinhalb Jahre bei ihren Pflegeeltern. Laut Kinder- und Jugendhilfestatistiks kehren auch nach Beendigung des ursprünglich vereinbarten Hilfeplans nur ein knappes Drittel der Kinder zurück in ihre Herkunftsfamilie. Die übrigen zwei Drittel, die immer noch Hilfe und vor allem ein Zuhause benötigen, kommen bei einer anderen Pflegefamilie, im Heim, bei Verwandten oder in anderen Betreuungsformen unter.

Folgen, die auch an die Ursachen geknüpft sind: Kinder werden in Pflegefamilien gegeben, mit dem Ziel, wieder in ihre Herkunftsfamilie zurück zu kehren. Leider fehlt es aber an konsequenten Maßnahmen, den Eltern der Kinder nachhaltig zu helfen und somit eine Rückkehr in die Familien wahrscheinlicher zu machen.

Unter dem Titel „Mitreden – Mitgestalten“ hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im vergangenen Jahr einen Dialogprozess ins Leben gerufen, der in einer Reform der Kinder- und Jugendhilfe und der Modernisierung der Pflegekinderhilfe münden soll. Zentrales Ziel ist schon jetzt, die Beziehungen zwischen Pflegeeltern, Eltern und Kindern zu verbessern. Ergänzend wurde am 26. April 2019 eine wissenschaftliche Anlaufstelle „Kinderschutzverläufe“ beim Institut für Kinder- und Jugendhilfe Mainz eingerichtet.  Dazu erklärt der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg: „Im Koalitionsvertrag  wurde vereinbart, die Kinder- und Jugendhilfe zu reformieren und dabei vor allem auch die Unterstützung von Eltern und den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.  Wir wollen aus deren Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe und dem Familiengericht lernen, um das Kinderschutzsystem in Deutschland besser zu machen.“ Die vertraulichen Informationen, die über die Einrichtung der Kinderschutzverläufe gewonnen wurden, sollen anschließend in die Gesetzesreform im Bundestag einfließen.

Weiter zu den Ursachen – Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen in Pflegefamilien (78 Prozent) kommen aus sozial schwachen Verhältnissen. 55 Prozent aus Alleinerziehendenhaushalten. „Kinderarmut bedeutet strukturelle Kindeswohlgefährdung – das zeigen die Zahlen deutlich“, erklärt der kinder- und jugendpolitische Sprecher der Linksfraktion, Norbert Müller. Sprechen wir also vom Pflegekinderwesen geht es gleichermaßen darum, Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen.

„Die Kinder haben keine Lobby“, sagt die 39-Jährige Samia Martin und weiß ganz genau wovon sie spricht. Sie ist Mutter von zwei Töchtern und zusätzlich von zwei Babys, von denen sie nicht die leibliche Mutter ist. Ihr Beruf ist es, sich in der Bereitschaftspflege, um die schwächsten und schutzbedürftigsten Bewohner ihrer Stadt zu kümmern. In den vergangenen vier Jahren lebten abwechselnd sieben Babys in ihrer Familie, die kürzeste Zeit waren zwei Monate, die längste 18. „Ab dem Moment, ab dem die Kinder in unserem Haus sind, gehören sie zur Familie“, erklärt Samia Martin und fühlt sich immer wieder in ihrer Berufung und Eifer bestätigt, sich um Kinder besonders kümmern zu können. Ein Beruf ist es allerdings kaum, vielmehr ein Ehrenamt. Denn Geld erhält sie nur, wenn sie auch Pflegekinder betreut und ist somit dauerhaft von dem Gehalt ihres Mannes abhängig. Sie hat keine Urlaubstage und keine Sozialversicherung und weiß: „Bei mir ist Altersarmut vorprogrammiert“.

Ganz abgesehen davon, dass die Situation einer Bereitschaftspflege eine besondere ist, machen die behördlichen und finanziellen Voraussetzungen sie auch nicht einfacher. Es ist folglich nicht verwunderlich, dass es in ganz Hamburg aktuell nur 33 Familien gibt, die Kinder in Notsituationen aufnehmen und nach einigen Monaten wieder abgeben – manchmal an ihre leiblichen Eltern – viel häufiger an Pflegefamilien, bei denen sie auf Dauer bleiben.

Um weiter an den Ursachen anzusetzen, hat Samia Martin sich im Juni mit einem Brief an die Sozialbehörde gewandt und ihre Erfahrungen und Bedenken geschildert, welche Folgen sich aus dem System des Pflegekinderwesens in Deutschland ergeben. Die Behörde bedankte sich für ihr vorbildliches Engagement, versprach aber keine Besserung. Sie hat deshalb im August diesen Jahres eine Petition „Für faire Bedingungen in der Bereitschaftspflege“ gestartet, die sich an die Geschäftsstelle des Eingabenausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft richtet. Hier können auch Sie unterschreiben und vor allem Samia Martins Anliegen verbreiten, das uns alle etwas angeht.

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