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Kinderschutz

Wenn Verzweiflung Systeme sprengt

Er sorgte bei der diesjährigen Berlinale für einige Furore: Der Film Systemsprenger beeindruckt nicht mit einem prominenten Star-Aufgebot. Er stammt auch nicht aus der Feder eines renommierten Drehbuchautoren. Er geht einfach nur unter die Haut. Ganz tief.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 28. Oktober 2019

Als Drehbuchautorin Nora Fingscheidt sich vor einigen Jahren mit dem Thema auseinandersetzte, ahnte sie noch nicht, dass ihr Filmdebüt mehrfach ausgezeichnet und sogar für einen Oscar nominiert wird. Was sich hinter dem Begriff Systemsprenger verbirgt, erfuhr sie eher durch Zufall bei einer Filmproduktion in einem Frauenhaus der Caritas. Während der Dreharbeiten zog dort ein 14-jähriges Mädchen ein, das bis dahin das vorhandene Netz aus Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen gesprengt hat. Auch die Unterbringung in Pflegefamilien war nie von Dauer. Das Bild ließ Fingscheidt nicht mehr los und sie begann eine vierjährige Recherche, verbrachte Zeit in Wohngruppen, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und einer Inobhutnahmestelle. Immer wieder pausierte sie, um zu verarbeiten, was sie dort erlebt hat. Dass sie verstanden hat, wie es soweit kommen kann, zeigt sie in ihrer Low-Budget-Produktion auf beeindruckende Weise.

Die neunjährige Benni (Helena Zingel) ist laut. Sie schreit, ist respektlos und hält sich an keine Absprachen. Sie klaut und wenn es sein muss, dann prügelt sie sich. Dabei will sie eigentlich nur eines: zu ihrer Mama (Lisa Hagmeister). Doch genau die hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter und schafft es mit ihrer instabilen Persönlichkeit gerade noch, Bennis kleine Geschwister zu versorgen. Dass Benni als Baby schwer misshandelt wurde, steht nicht im Mittelpunkt der Erzählung. Eher nebenbei erfährt der Zuschauer, dass ihr als Säugling nasse Windeln ins Gesicht gedrückt wurden und sie deshalb immer wieder eskaliert, sobald ihr jemand ins Gesicht fasst. Wenn Benni eskaliert, endet das oft damit, dass sie an eine Liege fixiert in der Psychiatrie wieder aufwacht.

Die engagierte und warmherzige Mitarbeiterin des Jugendamtes, Frau Befané (Gabriela Maria Schmeide), muss irgendwann feststellen, dass keine Einrichtung das Mädchen mehr aufnehmen will. Sie engagiert den Anti-Gewalt-Trainer Micha (Albrecht Schuch), der eigentlich mit straffälligen Jugendlichen zusammenarbeitet, als Schulbegleiter. Der Mann, der so wenig „Sozialpädagogisches“ an sich hat, findet einen Zugang zu Benni, gewinnt ihr Vertrauen und verbringt eine dreiwöchige erlebnispädagogische Auszeit mit ihr in einer Hütte im Wald. Während dieser Zeit stoßen sie oft an ihre Grenzen, verlieren dabei aber ihre ruppige Fassade. Es kommt ein tief verletztes und misstrauisches Mädchen zum Vorschein, das verzweifelt nach Halt und einer eigenen Bezugsperson sucht. Micha, der nach der Rückkehr Angst hat, seine professionelle Distanz zu wahren, zieht sich aus der Betreuung zurück. Bennis Fall durch das Hilfesystem geht weiter.

Der Film, der auf jegliche dramatische Effekthascherei verzichtet, berührt ganz einfach und macht lange nachdenklich.  Ist es wirklich nötig, ein neunjähriges Mädchen zu fixieren, wenn es eskaliert? Was geht in einer Mutter vor, die sich bei Hilfeplangesprächen und Besuchsterminen verleugnen lässt, anstatt jede Hilfe anzunehmen, um die Betreuung ihrer eigenen Tochter wieder aufzunehmen? Andererseits: Warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass es Menschen, Eltern, gibt, die einfach nicht be- und erziehungsfähig sind? Wie soll ein Kind, das sich verzweifelt nach einer engen Bezugsperson sehnt, in einem Hilfesystem bestehen und Halt finden, in dem die Akteure eine professionelle Distanz wahren müssen?

Am Freitag endete die Bewerbungsfrist für den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2019. Das Ergebnis macht ebenso nachdenklich wie der Film: Von 87 Initiativen, die sich bundesweit beworben haben, befassen sich mehr als die Hälfte mit Kindern psychisch kranker und überforderter Eltern. Diese hohe Zahl gäbe es nicht, wenn der Bedarf nicht so groß wäre. Das Ergebnis spiegelt auch die aktuelle Entwicklung wieder, denn die Zahl der Systemsprenger steigt und sie werden zudem immer jünger.

Um ein System zu sprengen, braucht es ein Übermaß an Energie. Und dann braucht es Menschen, die das Wissen und die Möglichkeit haben, darauf zu reagieren. Maya Schneider, Leiterin des Kinderhauses Mignon, sagte uns einmal in einem Gespräch: „Dann wird ein herausgetretener Heizkörper eben wieder angebaut und ein umgetretener Baum wächst halt schief.“

 

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