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Kinderschutz

„Ich packe meinen Koffer…“

Um unsere Preisträger des HanseMerkur Preis für Kinderschutzes wird es nicht ruhig und das ist auch gut so! Das in diesem Jahr mit dem Anerkennungspreis ausgezeichnete Projekt, „Kinderschutz in Flüchtlingsunterkünften“ der Diakonie Düsseldorf, hat kürzlich ein einzigartiges kulturelles Programm gestartet. Mit einer lebendigen Ausstellung zum Thema Flucht, wollen sie vor allem Kinder auf die Situationen und Schicksale von geflüchteten Familien aufmerksam machen und somit früh für das Thema sensibilisieren.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 20. September 2019

„In diesem Raum ist Leben, aber keiner ist da“, beschreibt Sibylle Kusakis von der Diakonie Düsseldorf Fachberatungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung, den Ausstellungsraum. Vielmehr als ein kleiner Raum ist es auch nicht, eher ein Vorraum – bloß nicht mehr als 16 Quadratmeter, denn mehr haben auch Familien in den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland nicht zur Verfügung. Entsprechend der maßstabsgetreuen Größe ist auch der Raum mit originalen Möbeln und Dingen einer Flüchtlingsunterkunft versehen. Betten und Schränke, ebenso die Teppiche. Wobei letztere nur Familien mit Kindern zusteht – eine Brandschutzmaßnahme.

Dass der Raum trotz dessen unscheinbar, fast leer wirkt, beweist, dass mir die Ausstellung beim ahnungslosen Durchqueren, auf dem Weg in das Büro der Fachberatungsstelle, gar nicht aufgefallen ist. Eineinhalb Stunden später ist dieser Raum für mich um ein Vielfaches gewachsen. Er platzt vor Geschichten, Erinnerungen und Leben, sodass es gleichzeitig erschreckend real und verwirrend ist, dass hier niemand lebt.

Diese Ausstellung ist viel mehr als nur ein Raum, in dem exemplarisch die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien in Flüchtlingsunterkünften leben, dargestellt wird. Mithilfe von bunten Sprechblasen erzählt Kusakis die Geschichte der dreiköpfigen Familie. Ein Mann lebt mit seinen beiden kleinen Töchtern in diesem Raum und sie alle warten noch auf ihre Mutter, die noch in Italien festsitzt. Die Ausstellung führt einen durch den Alltag der Flüchtlingsfamilie und macht auf kleine und große Hindernisse aufmerksam, die keine sein sollten. Dass die Flüchtlinge z.B. keine Vorhänge anbringen dürfen und nur auf provisorisch vorgehangene Laken zurückgreifen können, bestimmen die Brandschutzvorkehrungen. „Gleichzeitig wirkt genau das für Menschen von außen, die nicht um die Situation in den Flüchtlingsunterkünften wissen, dreckig und verramscht“, erklärt die junge Shima, Sozialarbeiterin in der Flüchtlingsberatung. In ihrer beratenden Funktion kämpft sie an allen Fronten für die scheinbar kleinen Alltagsbedürfnisse der Flüchtlinge. Sie bezeichnet sich selbst gern als „Mädchen für alles“ und ist doch so viel mehr. Aktuell kümmert sie sich z.B. darum, dass eine Frau für ihr Kind mit Behinderung einen Wasserkocher erhält, den sie für das Zubereiten einer jeden Mahlzeit benötigt. Die Standardausstattung einer Flüchtlingsunterkunft beinhaltet nur einen Campingkocher.

All diese Geschichten verdeutlichen die Kinderrechte wie z.B. das Recht auf Bildung, das Recht auf Spiel, Freizeit und Ruhe, das Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht, das Recht auf Gleichheit, das Recht auf Privatsphäre und vor allem, wie viele davon in diesem kleinen Raum verletzt worden sind. Noch immer nicht im Grundgesetz verankert, machen sie nicht weniger wert und wichtig.

In einem weiteren Teil der Ausstellung, wir befinden uns noch immer in demselben Raum, wird den Kindern durch „spielerische“ Aktivitäten, die Flucht  der Familien nahegebracht. Die Kinder können Erinnerungsgläser für die Familie füllen. Platz darin finden Fotos, ein Tuch und Parfüm der Mutter, eine Route der Flucht und das nicht wegzudenkende Handy. Außerdem können sie einen Koffer füllen, was wohl die wichtigsten Gegenstände der Familie auf ihrer Flucht gewesen sein könnten. „Wasser, Handy, Essen“,  in dieser Reihenfolge, erklärt Kusakis, müssten sie ein Ranking erstellen und verdeutlicht anhand dessen, wie sich die Flucht in der heutigen Zeit verändert hat. Auch sie findet digital statt. Über das Handy lässt sich mit der Familie und Verwandten in Sehnsuchtsländern kommunizieren. Außerdem lässt sich feststellen, welche Route man wählen kann und welche Grenzen vielleicht schon geschlossen worden sind.

Im Ausstellungszeitraum vom 17. September bis 15. Oktober sollen die Kinder und Jugendlichen, durch ihren Besuch der Ausstellung, ein besseres Verständnis für ihre MitschülerInnen und Freunde entwickeln, die eine Flucht erlebt haben.

Ein großes Ziel, dem Kusakis und ihr Team auf alle Fälle gerecht werden wird. Eine ganz andere Hürde, macht der Veranstalterin nach unserer „Generalprobe“ zu schaffen. Denn auch sie muss feststellen, dass diese Ausstellung sie auf ganz besondere Weise bewegt. Sie kennt die Bilder zu den Geschichten, die sie den Besuchern erzählt. Doch im Berufsalltag hat sie gelernt, die Fassung zu waren und emotional auf Distanz zu bleiben, sodass sie, selbst in diesem Job, eine gewisse Betriebsblindheit besitzt. „Das Leben fehlt in diesem Raum und das macht es für mich nur realer“, erklärt sie mit zwischenzeitlich belegter Stimme und verdeutlicht mir ein weiteres Mal, wie groß dieser Vorraum ist.

„Ich packe meinen Koffer…“ Ausstellung zu Kinderrechten und Flucht

In einem Raum von maximal 16 Quadratmetern muss eine dreiköpfige Familie Platz finden.
Die Geschichte der Familie steht überall im Raum geschrieben...
und verdeutlicht deren Situation,
Rechte,
Gefühle und Glauben
und Ängste.
Mithilfe von Errinnerungsgläsern und
einer imaginären Packliste, soll den Kindern "spielerisch" vermittelt werden, was die Flüchtlingsfamilien erlebt haben.
Auch viele Gegenstände im Raum wecken Erinnerungen an die Flucht.

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