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Ethik & Gesellschaft

Moria – das Dorf in dem Europa seine Flüchtlinge opfert

Während sich seit Januar 2020 die ganze Welt berechtigte Sorgen um das Corona Virus macht, rücken die Menschen in dem größten Flüchtlingslager Europas immer weiter in den Hintergrund. Dabei ist es total wichtig, auch sie vor dem Virus zu schützen. Der aktuell geforderte Mindestabstand von eineinhalb Metern, kann bei einer Überlastung von mehr als 600 Prozent bei bestem Willen nicht erfüllt werden. Die Folgen sind kaum vorstellbar und ziemlich erschreckend.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 23. März 2020

Seit der großen Flüchtlingswelle 2015 sind bis heute mehr als eine Million Menschen über Lesbos, die griechische Mittelmeerinsel, nach Europa gekommen. Um den großen Mengen geflüchteter Menschen Herr zu werden, wurde im Sommer 2015 das Flüchtlingslager Moria, in der gleichnamigen Stadt errichtet. Damals sollte es als Hotspot für die Flüchtlinge dienen, um die Registrierung und Weitervermittlung in die anderen EU-Staaten besser organisieren zu können. Man rechnete mit 3.000 Menschen und für genau so viele wurde auch Platz geschaffen. Heute ist das Lager, sowie das drumherum liegende „wilde Camp“ mit mehr als 18.000 Geflüchteten und Migranten mehr als überfüllt. Bei dem Großteil handelt es sich um Kinder und Jugendliche, die sich oft alleine, ohne Eltern, Familie oder Freunde auf den Weg nach Europa gemacht haben, um hier in Sicherheit leben zu können. Keiner von ihnen hätte sich ein Leben zwischen Müll, Dreck, Korruption, Gewalt und Vergewaltigungen vorgestellt. Doch der Weg scheint aussichtslos. Patric Mansour, Mitglied der Norcap (Norwegian Refugee Council) beschreibt die Ursache wie folgt: „Es mangelt auf Seiten der Griechen schlicht an Organisationsvermögen und auf Seiten der anderen EU-Staaten an der simplen Einsicht: dass man an einem Ort wie diesem nicht einfach immer mehr Menschen bringen kann”. Die Linken sind trotz der Unterstützung der Grünen am 29. Januar diesen Jahres mit ihrem Antrag auf Rettung der knapp 2.000 vollständig unbegleiteten Minderjährigen gescheitert. Der Antrag beinhaltete eine Aufnahme dieser Kinder und Jugendlichen, um sie vor den oben benannten Umständen zu schützen. Boris Pistorius, SPD-Politiker unterstütze den Antrag wie folgt: „Wir können nicht der ganzen Welt helfen. Aber hier geht es darum, eine humanitäre Katastrophe inmitten der EU wenigstens abzumildern. Wir können nicht auf die große europäische Lösung warten, denn sie wird absehbar nicht kommen. Ich fordere deshalb in Anbetracht des Winters meine Kollegen und den Bund auf, jetzt schnell und unbürokratisch zu helfen. Das ist unsere Pflicht als Europäer und als Menschen”. Stellvertreter von Innenminister Horst Seehofer gaben zu verstehen, dass Deutschland mit dem Versand von 30.000 Decken, Kissen und Bezügen seine Pflicht bereits erfüllt hätte. Darüber kann Patric Mansour nur lachen: „Alle schicken uns ständig Zeug, aber niemand hat eine Ahnung, was wir hier wirklich brauchen”.

Die Journalistin Funda Ağırbaş konnte sich selbst ein Bild machen und beschreibt in ihrem Artikel eindringlich, wie schwer es ist, hinzugucken und da zu sein, mit dem Wissen, diese Menschen werden diese Hölle so schnell nicht verlassen. In einer Zeit in der die Menschen immer mehr an sich denken, ihr Umfeld kaum wahrnehmen, ist kein Platz für andere Schicksale. Das bestätigen auch die rückläufigen Spendenzahlen: 2019 haben 800.000 Menschen weniger gespendet als noch im Vorjahr. Die Spendensumme ist kaum rückläufig, aber immer weniger Menschen kümmern sich um das Wohl der anderen. Auf das Flüchtlingslager Moria bezogen tragen die 2.500 Kilometer Entfernung, getreu dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“, ihren Teil dazu bei. 

Ich persönlich hoffe, dass es uns möglich ist, aufgrund der verheerenden Corona-Krise unseren Blick zu verändern. Tage-, wochen-, ggf. sogar monatelange Gesellschaftsisolation machen etwas mit dem Menschen, davon bin ich fest überzeugt. Ich wünsche mir, dass wir nach der Zeit bereit sind, unsere Augen zu öffnen und unsere vermeintlich heile Welt verlassen. Es gibt so viel zu entdecken, nicht nur negatives. Nein, die Welt mit ihren Menschen, Tieren und Pflanzen hält einen Menge für uns bereit. Wir müssen nur bereit sein, einen Schritt zu machen und unsere Komfortzone verlassen. Sie helfen damit nicht nur anderen, sondern vor allem sich selbst. Denn was ist ein Leben ohne Miteinander, ohne Veränderungen, ohne Perspektiven? Mehr als 18.000 Menschen werden es uns danken, wenn sie nicht länger in Vergessenheit geraten.

One thought on “Moria – das Dorf in dem Europa seine Flüchtlinge opfert”

  1. Liebe Pia, ich schließe mich Deinem Schlussappell an und hoffe von ganzem Herzen, dass wir Recht behalten werden. Wenn eine Pandemie mit diesem Ausmaß am Ende nicht zu etwas gut war und etwas Positives bewirkt hat, dann weiß ich nicht, was uns noch passieren muss, damit wir anfangen umzudenken. Danke für Deinen Beitrag!

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