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Kultur

Anstand in schwierigen Zeiten

In den vergangenen zwei Jahren sind zahlreiche Bücher erschienen, die den zunehmend ruppigeren, respektlosen Umgangston und Umgang im täglichen Leben in den Fokus nehmen. Es geht um eine zunehmend polarisierte Gesellschaft, die mit neuen Dimensionen von Rassismus, Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit umgehen muss und sich dabei sehr schwer tut. Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, hat ein beachtenswertes Manifest „Gegen den Hass“ geschrieben. Und Hirnforscher Gerald Hüther stellt in seinem Buch „Würde“ die Frage: „Wir alle wollen in Würde sterben, aber sollen wir nicht erst einmal in Würde leben?“

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 23. Mai 2018

Der Schriftsteller und Kolumnist Axel Hacke hat Ende 2017 mit seinem Buch „Über den Anstand in Schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ rund um einen vermeintlich antiquierten Begriff einen Nerv getroffen.

Sein Werk schaffte es auf Top-Platzierungen der SPIEGEL-Bestsellerliste. Am Rande des 7. HanseMerkur Reisegipfels, wo Hacke vor Top-Touristikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz referierte, sprachen wir mit einem engagierten Autor, der Anstand als einen sozialen Schmierstoff begreift, der die Grundlage für das menschliche Zusammenleben legt.

Was war der Auslöser für Sie, im vergangenen Jahr dieses Buch zu einem vermeintlich antiquierten Begriff rund um Umgangsformen und Lebensart zu schreiben?

In meiner Kolumne im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich nach der Vereidigung von Donald Trump auf den amerikanischen Wahlkampf zurück-geblickt und erstmals den Begriff des „Anstands“ im Sinne von menschlicher Haltung, Respekt und Achtung vor anderen Menschen interpretiert. Das Leser-Echo darauf war ungewöhnlich groß. Das hat mich angespornt, mich mit diesem Begriff noch ausführlicher zu beschäftigen.

Ist diese Woge der Anstandslosigkeit in der Welt, die Sie ausmachen, Auswuchs einer immer egoistischer werdenden Gesellschaft, einer Entsolidarisierung, oder leben wir schlicht im Zeitalter des Populismus, der sich von Osteuropa bis in die USA Bahn gebrochen hat?

Es hat viele Aspekte. Lassen Sie mich einen beleuchten. Das respektlose Verhalten Trumps anderen gegenüber ist zunächst einmal ein Regelverstoß, um auf sich aufmerksam zu machen. Dies ist ihm zweifelsfrei gelungen. Und vielen Menschen geht es darum, auf sich aufmerksam zu machen. Weil sie sich verges-sen und unbeachtet fühlen im Rahmen der Globalisierung. Über permanente Beleidigungen, Unverschämtheiten und Lügen hat Trump sich ins Zentrum gerückt. Und das macht ihn zur idealen Identifikationsfigur für Menschen, die sich abgehängt fühlen.

Ist Ihr Buch als Manifest gedacht: Wehret den Anfängen? Und wenn ja, welche gesellschaftlichen Gefahren sehen Sie durch das Verrohen der Umgangsformen im menschlichen Zusammenleben?

Das Wichtigste ist, dass wir uns mit dem Thema überhaupt einmal wieder beschäftigen, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen. Ich habe das Buch als eine gedankliche Reise um den Begriff des Anstands herum geschrieben. Auf diese Reise versuche ich Leser mitzunehmen. Ich möchte sie anregen, sich selber darüber Gedanken zu machen. Es soll nicht das belehrende Buch eines Wissenden sein, sondern das eines Suchenden.

Welchen Anteil haben die sozialen Medien an dieser Entwicklung, wo sich anonym würdelose Kommentare, Hass und Verachtung Andersdenkender in Shitstorms Bahn brechen?

Sie haben einen sehr großen Anteil, weil man dort anonym agieren und reden kann, ohne dass man sein Gegenüber vor sich hat und dessen Reaktionen aushalten muss. Weil man alles hinauspusten kann, was einem gerade so durch den Kopf oder den Bauch geht. Das hat die gesellschaftlichen Umgangsformen nachhaltig verändert. Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir es so nicht lassen können. Wir müssen diese neuen Medien irgendwie zivilisieren. Sie sind ja auch Medien der Zerstreuung. Der Mensch konzentriert sich nicht so wahnsinnig gerne, hat im Grunde keine Lust, sich mit Problemen auseinander-zusetzen. Er hat es gern einfach und emotional. Dennoch haben wir die Pflicht, uns vernünftig und ernsthaft mit den Dingen auseinanderzusetzen. Dass wir uns der ständigen Ablenkung und Zerstreuung nicht einfach nur hingeben können.

Sie sprechen in ihrem Buch von der Selbstradikalisierung der Menschen, die Ausdruck einer großen Suche nach Sicherheit, Halt und Selbstwertgefühl in einer zutiefst verunsichernden Zeit sei. Ist das die primitive Sehnsucht nach leichten Antworten für eine immer komplexer werdende Welt?

Ich würde es nicht primitiv nennen, aber als eine Sehnsucht nach Einfachheit in einer komplizierten Welt interpretieren. Es gilt auch zu verdeutlichen, dass es mit simplen Erklärungsmustern nicht geht. Komplexität auszuhalten und mit ihr umzugehen ist auch ein Wert. Auch Zweifeln kann ein positiver Wert sein. Nur dafür muss man ebenfalls eintreten, dass wir in der Lage sind, mit Komplexitäten umzugehen. Dass wir es nicht reduzieren wollen auf etwas Einfaches, das am Ende ja doch nicht funktioniert. Wir wissen doch alle, dass simple Lösungen noch nie funktioniert haben. Wir müssen nur ehrlich genug sein, das auch zu sagen und nicht leichte Rezepte anbieten.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch? Haben Ihnen dieser eher Mut gemacht oder enttäuscht?

Ich fand es sehr ermutigend, denn 99 Prozent der Reaktionen waren sehr, sehr positiv. Viele Menschen haben das Gefühl, dass damit etwas zum Ausdruck kommt, über das sie sich selber schon lange Gedanken gemacht haben, was sie sehr beunruhigt und bewegt. Ich bin überzeugt, dass eine große Mehrheit in unserem Land diese Gedanken teilt. Sie denken anders darüber, als in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Nur verschaffen die sozialen Medien den Lauten, den Krachmachern, den Lärmern sehr viel mehr Gehör. So haben wir manchmal das Gefühl, dahinter stecke eine Mehrheit. Nur die Mehrheit kommentiert nicht dauernd auf ihrem Twitter-Account, hat dafür gar keine Zeit. Aber die anderen, die dafür Zeit haben, prägen das öffentliche Klima in unserer Gesellschaft. Und denen muss man entgegentreten. Man darf ihnen den Raum nicht überlassen.

 

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