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Ethik & Gesellschaft

Unter dem Radar

Wie unfassbar viele Gesichter Obdachlosigkeit haben kann und wie schnell man den Boden unter den Füßen verliert und durch alle Maschen eines sozialen Netzes ins Nichts rutscht, zeigt Susanne Groth in ihrem neuen Buch „Unter dem Radar – Leben und Helfen im Abseits“ auf eine sehr berührende Weise.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 10. Januar 2020

Drei Jahre ist es her, dass die Journalistin Susanne Groth ihr Buch „Abseits: Vom Leben am Rande der Gesellschaft Hamburgs“ veröffentlicht hat. Wer meint, dass die 57-jährige Wedelerin seitdem zur Ruhe gekommen ist, irrt gewaltig. Ruhe ist für Groth vermutlich inzwischen ein Fremdwort, denn als Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins Leben im Abseits e.V., hat sie diesen mit ihrem Team von einer Anfangsidee zu einer festen Institution entwickelt, die in kurzer Zeit diverse Auszeichnungen erhalten hat. Sie vernetzt soziale Einrichtungen, die sich dem Thema Obdachlosigkeit widmen, ist regelmäßig auf den Straßen unterwegs, um direkten Kontakt zu den Obdachlosen zu halten, gestaltet mit Kindern und Jugendlichen Projekttage, um Vorurteile abzubauen und betreibt unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit.

„Hinschauen!“ lautet ihr stetiger Apell. Niemand ist gezwungen einem Obdachlosen Geld zu spenden oder ähnlich viel Zeit mit ihnen zu verbringen, wie Groth es tut. Aber hinschauen kann jeder. Ein kleines Lächeln, „Hallo“ sagen, schauen, ob der Mensch auf der Straße gerade Hilfe braucht. „Der soziale Tod ist schlimmer als die Obdachlosigkeit selbst,“ hört Groth immer wieder, wenn sie mir ihren Schützlingen spricht. Einige von ihnen kommen in ihrem neuen Buch „Unter dem Radar – Leben und Helfen im Abseits“ zu Wort: Jürgen (55), der durch den frühen Tod seiner Eltern jeglichen Halt verlor und seit 30 Jahren auf der Straße lebt; Cheyenne (52), die Hamburgs Bürgermeister Tschentscher gerne fragen würde, warum es so schwierig ist, für Obdachlose Container aufzustellen, so wie für Flüchtlinge; Mario (26), der einfach ein bisschen Ruhe vermisst: „Nie kommt man auf der Straße zur Ruhe und Ruhe ist das, was ich dringend brauche. Ohne Ruhe kannst Du nicht nachdenken oder irgendetwas in Angriff nehmen, das geht nicht.“ Damit spricht er der Autorin aus der Seele. „Housing First“, wie es in Berlin oder Finnland bereits umgesetzt wird, ist ihr größter Wunsch. Obdachlose bekommen dort eine Wohnung gestellt, um zur Ruhe zu kommen. Sie müssen nicht zuerst clean oder trocken werden und für eine Kaution sparen. Sie können erst zur Ruhe kommen und sich dann gemeinsam mit ihrer Betreuung überlegen, wie es weitergeht.

Neben den Obdachlosen kommen in dem Buch auch viele Helfer zu Wort. Die Sozialarbeiterin Anke Beceral aus dem Jesus Center , die  im Café Augenblicke seit Jahren die verheerende Auswirkung der Altersarmut beobachtet; die Bürgernahen Beamten der Davidwache Thomas Tessmann und Hilde Tinney, die den Obdachlosen auf St. Pauli wirklich Freund und Helfer sind; Christiane Hartkopf, die Leiterin der Obdachlosen-Einrichtung Alimaus, die im vergangenen Winter schnell und unbürokratisch den Betrieb eines Kältebusses organisiert hat, nachdem Hamburg noch vor Winteranfang vier Kältetote zu vermelden hatte.

Auf beiden Seiten beeindruckende Persönlichkeiten, sensibel portraitiert. Eine Aussage treffen alle gemeinsam: „Die Verelendung der Stadt nimmt dramatisch zu!“ Es ist also höchste Zeit hinzuschauen und sich zu überlegen, was man vielleicht selbst tun kann. Lächeln wäre schon mal ein kleiner Anfang.

 

UNTER DEM RADAR – Leben und Helfen im Abseits
ISBN 978-3-00-063019-4, 17,90 Euro

50 % der Erlöse gehen direkt an obdachlose Menschen     

Das Buch ist in folgenden Läden erhältlich:
FC St. Pauli Fanladen am Millerntor
FC St. Pauli Fanshop Harald-Stender-Platz, Millerntor
Amsterdam Headshop, Reeperbahn 155
Stadtkutter, Weidenallee 17

 

 

 

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