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Mitteilen in Farbe und Form: Kunsttherapie

Sport & Gesundheit

Malen als Therapie für Kinder und Erwachsene

Seit einigen Jahren liegen speziell für Erwachsene konzipierte Malbücher im Trend. Das Ausmalen und kreative Ergänzen soll Stress abbauen und Gelegenheit geben, der eigenen Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. In der Maltherapie wird der Schaffensprozess je nach Ansatz um eine therapeutische Analyse ergänzt. Ein Blick auf eine Ausdrucksform, die helfen kann, wo Sprache zunächst versagt.

Veröffentlicht von Eike Benn am 2. August 2021

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht.

Das – ist – das – Haus – vom – Ni – ko – laus.

Eine lachende Sonne in der linken oder rechten oberen Ecke des Papiers. Und natürlich Bücher zum Ausmalen. Die meisten von uns dürften in jungen Jahren ähnliche Erfahrungen mit dem ersten Malen und Zeichnen gemacht haben.

Kinderzeichnung: Autofahrt unter Sternen (Quelle: Pixabay)
Kinderzeichnung: Autofahrt unter Sternen (Quelle: Pixabay)

Passend dazu wird der heutige Tag in den USA als „National Coloring Book Day“, also als Tag des Malbuchs gefeiert. Der Verlag Dover Publications rief ihn 2015 ins Leben, um auf die Vielfalt von Malbüchern und Ausmalbildern hinzuweisen – wobei vermutlich auch die Hoffnung auf gesteigerte Umsätze eine Rolle gespielt hat.

Malbücher für Kinder sind bei Eltern seit Langem ein beliebtes Mittel, um zum Beispiel die Konzentration und Feinmotorik des Nachwuchses zu fördern. Wie bei vielen Erziehungsfragen gehen die Meinungen über ihren pädagogischen Sinn jedoch teils auseinander.

Malbüchern für Erwachsene gelang erst im Laufe der 2010er Jahre der Durchbruch. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass es vor allem das Versprechen auf Stressreduzierung gewesen sei, das die Verkaufszahlen der Verlage dauerhaft in die Höhe trieb. Eine Form davon ist das sogenannte „Zentangle“, bei dem Erwachsene Muster zeichnen und sich dabei wie bei einem Flow-Erlebnis in immer neue Formen vertiefen, was entspannend wirken soll. Da war der Schritt zum Ausmalen von Mustern und Bildern für Erwachsene nicht mehr weit. Inzwischen gibt es von vielen Verlagen Bücher mit Anleitungen zum Zentangle und auch Ausmalbücher für Erwachsene.

Zentangle: In wenigen Schritten zum Muster (Quelle: Wiki Commons)
Zentangle: In wenigen Schritten zum Muster (Quelle: Wiki Commons)

Obwohl Anhänger der Erwachsenenmalbücher auf deren entspannende Wirkung schwören, fehlt es dafür an wissenschaftlichen Belegen. „Man mag besser einschlafen, wenn man nach zehn Uhr abends nicht auf einen Bildschirm, sondern in ein Malbuch starrt. Man mag davon auch weniger schnell Kopfschmerzen bekommen. Aber das trifft auch auf andere Dinge zu. Auf Löcher in die Luft gucken zum Beispiel. Oder eben auf Yoga“, so die SZ.

Dass die künstlerische Verarbeitung der Innenwelt zu mehr dienen kann als Unterhaltung, Entspannung und Ausbildung der Kunstfertigkeit, davon zeugt die Maltherapie. Als Teilgebiet der Kunsttherapie verfolgt sie verschiedene Ansätze, um Menschen mit psychischen Leiden neue Wege zu eröffnen, ihre Traumata zu identifizieren, zu kommunizieren und zu verarbeiten.

In tiefenpsychologischen und psychotherapeutischen Ansätzen der Maltherapie werden Bilder als Visualisierungen psychischen Geschehens aufgefasst. Die psychoanalytische Kunsttherapie geht auf Sigmund Freud und Carl Gustav Jung zurück, die bereits eine Beziehung zwischen dem Bildhaften und dem „Unbewussten“ herstellten. In der therapeutischen Praxis dienen die Bilder der Patienten als Grundlage für deren Deutung und das therapeutische Gespräch.

In der anthroposophischen Maltherapie stehen der Malprozess und die Wirkung der Farben im Vordergrund. Die ersten Impulse dieser Maltherapieform wurden in den 1930er Jahren von Liane Collot d’Herbois und Margarethe Hauschka in einer anthroposophischen Klinik in Arlesheim entwickelt. Sie betrachtet Farben als Wesenheiten, die zwischen den Polen von Licht und Finsternis entstehen und an der leiblichen und seelischen Konstitution des Menschen mitwirken. In der anthroposophischen Maltherapie wird vorwiegend mit Aquarell- oder Pflanzenfarben gemalt.

Meiner Meinung nach füllt die Maltherapie ebenso wie andere kunsttherapeutische Ansätze eine entscheidende Lücke. Am Anfang vieler Therapien, sei es nun mit einem Therapeuten oder der besten Freundin, steht nämlich das Gespräch. Aber über manches lässt sich kaum bis gar nicht sprechen, weil die richtigen Worte fehlen und an ihre Stelle Sprachlosigkeit tritt.

Der Philosoph und Sprachlogiker Ludwig Wittgenstein schrieb dazu in seinem „Tractatus logico-philosophicus“:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Eine häufige Deutung des berühmten Satzes ist, dass manche Dinge schlichtweg schwer in Worte zu fassen sind. Starke Emotionen wie Liebe, Enttäuschung, Wut und Ähnliches können durch Sprache oft nur unzureichend wiedergegeben werden. Zudem sind nicht alle Menschen gleichermaßen sprachbegabt. Wenn ein Patient aber nicht hinreichend über seine Gefühlswelt sprechen kann, wie soll ihm dann angemessen geholfen werden? Die Maltherapie bietet hier Erwachsenen und vor allem Kindern eine Alternative.

Sie interessieren sich für Kunst- und Maltherapie? Anlaufstellen finden Sie unter anderem bei folgenden Verbänden und Vereinen:

Verband Deutscher Kunsttherapeuten VDKT

Deutscher Fachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie DFKGT

Deutsche Gesellschaft für künstlerische Therapieformen eV DGKT

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