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Sport & Gesundheit

Mammazentrum goes virtual

Vor gut einem Jahr gehörte der Informationstag Brustkrebs des Mamma-zentrums Hamburg am Krankenhaus Jerusalem zur ersten Veranstaltung in unserem Atrium, die wir angesichts der Pandemiedynamik kurzfristig absagen mussten. Zwölf Monate später ist die Hansestadt wieder im Lockdown und die Initiatoren, die wir seit vielen Jahren unterstützen, haben sich für einen virtuellen Austausch entschieden, der am 21. März 2021 zwischen 11.00 Uhr und 15.15 Uhr mit bis zu 400 Online-Teilnehmen über die Bühne ging. Es war eine überaus gelungene Hybrid-Veranstaltung mit auf Corona getesteten Studiogästen, einem intensiv genutzten Live-Chat, zugeschalteten Expert:innen und Betroffenen sowie einer Künstlerin und Mutmacher:innen aus Psychoonkologie und der Krebsbloggerszene.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 31. März 2021

Journalistin und Moderatorin Anke Harnack setzte das Motto der gut vierstündigen Veranstaltung zum Thema Brustkrebs und den neuesten Therapie- und Behandlungsoptionen: „Je früher desto besser und je spezialisierter, desto besser.“ Tatsächlich erkranken bundesweit jährlich 70.000 Frauen an Brustkrebs. Das Mammazentrum Hamburg führt jährlich pro Jahr 1.000 Erstoperationen durch und nähert sich im 25. Jahr seines Bestehens der Behandlungszahl von 47.000 Patientinnen. Und die gute Nachricht vorab: die Überlebenschance bei dieser tückischen Krankheit liegt mittlerweile bei 80 Prozent.

PD Dr. Kay Friedrichs wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass seine Einrichtung als einziges Brustzentrum in Hamburg im Corona-Jahr 1 noch mehr Patientinnen gesehen habe als sonst. Dabei sei sogar ein neuer OP-Trakt in Planung und die Heilungschancen beim Mammazkarzinom stiegen immer weiter, zumal sich auch die Therapieoptionen bei 40 Substanzen in der System- und bis zu 30 in der Chemotherapie immer weiter ausdifferenzieren würden. Am Ende zog er das Fazit: „Mir hat die disruptive Form der Präsentation sehr gut gefallen. Wir werden auch im Zukunft bei Hybridveranstaltungen bleiben.“

Friedrichs Kollege Prof. Dr. Christian Schem erörterte mit dem aus seinem Büro zugeschalteten Prof. Dr. Axel Niendorf von der Pathologie Hamburg West die Verfahren der histopathologischen Forschung zur genauen Bestimmung des Tumorgewebes, das – in Paraphin eingekapselt – in Feinschnitten von drei bis fünf Mikrometern analysiert, von zwei Fachärzten begutachtet und innerhalb von zwei Tagen nach Entnahme befundet wird. Dadurch werden die Operateure des Mammazentrums in die Lage versetzt, die Therapieoption – etwa OP mit oder ohne Chemotherapie / Bestrahlung – zu ziehen. Aktuell ergeben sich neue Verfahren über die Antikörper- und Immuntherapie. So können die von der körpereigenen Abwehr nicht erkannten Tumorzellen in ihrer Bindung an die Zellstruktur blockiert werden. Antikörper mit toxischen Anhängen können ebenfalls in den Tumor eingeschleust werden. Die Zukunftsmusik werden hier die Anti-HER2-Therapien und endokrine Kombinationstherapien spielen. Auf Medikamenten wie Trastuzumab oder den jüngst erst zugelassenen Kinasehem-mer Tucatinib ruhen die Hoffnungen bei der Behandlung von metastasierendem Brustkrebs.

 

In einem Studiogespräch mit dem UKE Humangenetiker Dr. Alexander Volk erörterte Prof. Hilpert die Krebserkrankung aus genetischer Sicht. Die beruhigende Nachricht hier: Nur fünf Prozent der Tumorerkrankungen sind erblich. Mittlerweile beraten 23 Zentren in Deutschland (darunter Mammazentrum und UKE) Frauen mit erblicher Prädisposition für Brustkrebs. So können rechtzeitig durch den Datenbankabgleich im Konsortium aus über 50.000 DNA-Bausteinen Hochrisikogene bewertet werden. Ein interdisziplinäres Tumorboard rät dann im Extremfall auch zur prophylaktischen Amputation einer gesunden Brust. Genetische Testungen kann jeder Arzt veranlassen; eine vorhersagende Testung auf Mutationen jedoch muss beantragt werden. Sie führte bei der zugeschalteten Patientin Johanna (35) zur beidseitigen Mastektomie. Auch ihre Schwester war bereits mit 23 an Brustkrebs erkrankt.

Dr. Friedrichs und Prof. Schem gaben Einblick in die ganzheitliche Patientinnenbetreuung mit individuellen Strategien gegen den Krebs. Hier fließen Parameter wie Lebensalter, Vorgeschichte, soziales Gefüge, Tumorgröße, Lymphknoten-befund sowie die vier Gruppen von Brustkrebs (hormon ab- und unabhängig sowie metastasierend) ein. Bei aggressiven Krankheitsbildern würde man die Chemotherapie vorziehen und die OP-Optionen hintanstellen. Die oft so gefürchtete Chemo reduziert die Rückfallquote immerhin um 50 Prozent. Bei den hormonbedingten Erkrankungen würde eine antihormonelle Therapie zum Einsatz kommen, wonach häufig eine Chemotherapie nicht mehr erforderlich ist. Von einer derart „geglückten“ Therapieoption berichtete auch die zugeschaltete Patientin Kim (49), bei der nach der vorgeschalteten Testung schnell klar war, dass eine Chemotherapie nicht mehr zum Einsatz kommen musste.

Eine Patientin von der Charité, die Künstlerin Vanessa Maurischat, beschrieb im Gespräch mit Anke Harnack sehr eindringlich die „Todesschrecksekunde“ ihrer Krebsdiagnose. Wegen ihres aggressiven Tumors musste ein Port für die Chemotherapie gelegt werden. Es folgten OP, Strahlen- und Antikörpertherapie sowie starke Neuropathien als Nebenwirkung. „Ich bin noch zwei Jahre therapeutisch gut beschäftigt“, so die Musikerin und Kabarettistin. „Mein Rat: Lebe jeden Tag in diesem Moment, der auch schöne Momente bereit hält. Man muss sich reduzieren. Aber man lernt sich ganz neu kennen in Grenzsituationen.“

Die zugeschaltete Psychoonkologin Dr. Catrin Mautner bestätigte aus ihrer täglichen Praxis die Gefühle, die auch Vanessa Maurischat umtreiben. „Die meisten Frauen sind wie vom Kometen getroffen. Sie können sich genau an Datum, Zeit und Ort der Diagnostik erinnern. Körper, Aussehen, Psyche, Beruf: alles ist plötzlich in Frage gestellt. Depressive Symptomatiken, Schlaf- und Konzentrationsstörungen stellen sich ein.“ Ihre Aufgabe, so die Therapeutin, sei es, die Resilienz zu stärken und auszuloten, welche Rückgriffsmöglichkeiten zur Stabilisierung zur Verfügung stehen. Eine schwere Aufgabe in der Pandemie mit eingeschränkter Beziehungsaufnahme und stark reduzierten Kompensationsmöglichkeiten.

Angelika Grau von der ausschließlich spendenfinanzierten Stiftung Mammazentrum Hamburg stellte, flankiert durch ein Grußwort der Schirmherrin, Schauspielerin Barbara Auer, die zehn Jahre alte Einrichtung vor, die jene Leistungen für Patientinnen finanziert, die die gesetzlichen Kassen nicht übernehmen. Dazu zählen u.a. spezielle Breast Care Nurses, die auch bei Rehaanträgen oder Korrespondenz mit den Arbeitgebern unterstützen sowie eine neunmonatige, postoperative Sporttherapie. Im Zentrum aber stehen seit acht Jahren der Einsatz von Kühlkappen sowie die Kältetherapie für Hände und Füße während der Chemotherapie. Durch die sensorgesteuerte Herunterkühlung der Kopfhaut auf fünf Grad erreicht die Chemogabe die Haarwurzeln kaum noch, so dass der Haarverlust weitgehend vermieden werden kann. Gleiches gilt für die Hilotherapie von Füßen und Händen, die die Begleiterscheinung Polyneuropathie (Taubheitsgefühle) verhindert oder abmildert.

In der Mittagspause stellte Mammazentrums-Arzt Dr. Olaf Katzler seine Fernsehkochqualitäten unter Beweis, obwohl eigentlich sein Kollege Prof. Hilpert als „Paul Bocuse“ des Behandlungszentrums gilt. Er zauberte einen gut schmeckenden Smoothie aus Sellerie und Apfel sowie einen leckeren Schokoladenhanfmilchpudding, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass gesunde Ernährung und Bewegung den Genesungsprozess bei einer Tumorerkrankung befördern.

Zur besseren Verträglichkeit von Chemotherapien unterhielten sich Dr. Friedrichs und seine zugeschaltete Kollegin Dr. Anne-Sophie Adam. Es sei gegen unsinnige Chemotherapien, so Friedrichs, die früher zu Recht als Schrotschusstechnik bezeichnet wurden. Heute ginge man wesentlich gezielter vor und unterscheide zwischen einer limitierten, adjuvanten Chemo und einer palliativen, dauerhaften Behandlung bei Fernabsiedelungen des Tumors mit zahlreichen Nebenwirkungen. Dr. Adam flankiert diesen Prozess durch Optionen zur Psychotherapie, durch Akupunktur, welche die Nebenwirkungen runterreguliert, durch Achtsamkeitsübungen und Sport in mäßiger aber regelmäßiger Form.

Die Kollegen Prof. Hilpert und Prof. Schem diskutierten mit dem zugeschalteten Strahlentherapeuten Prof. Dr. Florian Würschmidt die Strahlentherapie nach Tumorentfernung bei brusterhaltender OP. Der Kollege der Radiologischen Allianz Hamburg sieht darin eine vernünftige Maßnahme, die sich zudem immer weiter ausdifferenziere und heute nur noch eine dreiwöchige Bestrahlung der Lymphabflusswege erfordere. Zu den vorzubeugenden Nebenwirkungen zählten Hautverdickungen, Sonnenbranderscheinungen, Fatigue-Symptomatiken und bei linksseitiger Bestrahlung eine Schädigung des Herzens. Bei Implantaten kämen bei besonders schlanken Frauen Fibrosen dazu („Implant Failure“) sowie  bei Raucherinnen die Gefahr eines Lungenkarzinoms.

Einen optimistischen Umgang mit der Brustkrebserkrankung pflegt das Wiener Portal www.influcancer.com. Die Gründerin Martina Hagspiel berichtete online von ihrer Patientenorganisation „Kurvenkratzer“, die auch ein Onlinemagazin zum Thema Krebs betreibt. Ihr Ansatz: wild und frech Lebensthemen wie Sexualität, Trauer und Tod während und nach dem Krebs aufzugreifen. Es gibt viel Nutzwertiges zum Empowerment der Betroffenen, etwa zum Thema „So rockst Du das medizinische Gespräch.“ Hagspiel dazu: „Man muss sich bei begrenzter Zeit für den Dialog mit dem Mediziner die Fragen vorab genau überlegen. Es ist wie ein Elevator-Pitch.“ Und so richtet sie Krebs-Blogger-Kongresse aus, berichtet online unter der Rubrik „Pharmaschinken“ über die Arzneimittelindustrie und weist in „Kopftimismus“ darauf hin, dass Gesundheit im Kopf beginnt.

Und versöhnlich-optimistisch endete der erste virtuelle Informationstag Brustkrebs auch. Künstlerin Vanessa Maurischat steuerte als Betroffene ihre Gedanken und Lieder unter dem Motto „The show must go on!“ bei. Ihre Erkrankung sei 2020 wie ein Berufsverbot gewesen, mit Faust im Magen und trockener Kehle. Sie sah vor ihrem geistigen Auge ihre eigene Beerdigung, es sei ein Zapfenstreich-Moment gewesen. Bei wahnsinniger Angst wäre es schwer gewesen, einen klaren Kopf zu behalten. Aber man dürfe nicht vergessen: Krebs sei Mainstream, beträfe jeden zweiten Bürger Deutschlands. Und wenn Frauen einmal lachen wollten, mögen sie nur daran denken, was wäre, wenn Männer Brustkrebs hätten: es gäbe kein Gespräch mehr, das die Sachebene verlässt, stummes Schauen, Ablenken, Schläfe massieren, Forderung nach einem Jahr Reha bei vollem Lohnausgleich. Und dann ihre Botschaft zum Abschluss: „Es ist wichtig, das Leben zu leben und nicht die Krankheit“.

Ein beeindruckender Informationstag Brustkrebs mit empathischer Moderatorin, mit Community Host und „Queen of Chat“ Theresa Hallermann sowie zugewandten Expertinnen und Experten, denen es wieder einmal gelungen ist, ein komplexes Krankheitsbild, neue Forschungsergebnisse und Therapieoption laienverständlich herunter zu brechen und zu vermitteln, dass es die individualisierte Behandlung ist, die sie in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellen. Ganz in dem Sinne, wie es Dr. Friedrichs formulierte: „Es gibt so viele Brustkrebsvarianten wie es Patientinnen gibt.“

Moderatorin Anke Harnack (li.) mit Queen of Chat Theresa Hallermann (re.)
PD Dr. Kay Friedrichs
Prof. Dr. Christian Schem
Prof. Dr. Axel Niendorf
Prof. Dr. Flix Hilpert
PD Dr. Alexander Volk
Anke Harnack im Interview mit Psychoonkologin Dr. Catrin Mautner (re.)
Angelika Grau
Barbara Auer
Dr. Olaf Katzler sorgt für das leibliche Wohl
Influcancerin Martina Hagspiel
Künstlerin Vanessa Maurischat
In virtuellen Räumen hatten die Förderer Gelegenheit zur Ausstellung.

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