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Ethik & Gesellschaft

Jeder Mensch ist so viel Wert, wie der andere auch

„Wir brauchen eine politische Situation, in der Armut ein Skandal ist und nicht als individuelles Versagen betrachtet wird“ – mit dieser und weiteren klaren Aussagen, beschreibt der Armutsforscher Harald Ansen in einem Interview mit dem Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt die Entwicklung der Vermögensverteilung in Deutschland, die sich mit bedrückender Dynamik in die falsche Richtung bewegt.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 29. Juli 2020

Allein in Hamburg leben laut einer Studie im Auftrag der Sozialbehörde vom März 2018 ca. 1.910 Menschen auf der Straße. Dies ist aber nur die kleine sichtbare Spitze eines riesengroßen Eisberges der Armut, denn unter der Oberfläche existiert eine kaum einschätzbare Dunkelziffer obdachloser Menschen, gefolgt von unzähligen Wohnungslosen.

Wesentlich größer und umfassender ist zudem die Gruppe der Menschen, die am Existenzminimum leben. Das Leben in größter Armut betrifft Kinder, Erwachsene und Rentner. Eine Teilhabe in den meisten Bereichen wird ihnen durch ihre wirtschaftliche Situation verwehrt und führt sie noch tiefer in die Isolation, erklärt Armutsforscher Harald Ansen: „Armut bedeutet für viele betroffene Menschen, dass sie sich im Alltag erheblich einschränken müssen, dass sie Ausgrenzung erleben, dass sie schlechtere Wohnungen haben, dass sie soziale Kontakte verlieren, weil sie nicht mithalten können, dass sie persönliche Perspektiven und Hoffnungen verlieren, dass sie ihre Potenziale nicht entfalten können. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, wie ihre vielfältigen armutsbedingten Bildungsbarrieren zeigen. Denken Sie außerdem an die gesundheitlichen Benachteiligungen, die kürzeren Lebenserwartungen sowie die höhere Krankheitsanfälligkeit für von Armut Betroffene. Und auch in der Coronakrise wird deutlich: Die Armen zahlen eine höhere Zeche, auch gesundheitlich. Unter den Corona-Erkrankten, die ins Krankenhaus müssen, dominieren SGB-II-Empfänger, also Langzeitarbeitslose. Weil die oftmals auch in einer vulnerablen Lebenslage stecken und dann von so einer Virusinfektion noch heftiger getroffen werden als andere, die bessere Ausgangsbedingungen haben.“

Die Auswirkungen der Pandemie und die damit einhergehenden schwierigen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt befeuern die Situation zusätzlich, denn wer Rücklagen hat, wird diese schnell aufgebraucht haben. Durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit ist ein erneuter Vermögensaufbau vorerst undenkbar. Auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Sozialpaketes der Bundesregierung kritisiert Ansen gegenüber Hinz&Kuntz die fehlende Langzeitkomponente. Er schlägt stattdessen eine niedrigschwellige und bedingungsarme Grundsicherung vor, die um mindestens 50 Euro monatlich angehoben werden sollte. Zudem fordert er zurecht eine längst überfällige Anpassung des Wohngeldes an den tatsächlichen Mietenspiegel. Er hat außerdem eine sehr klare Vorstellung von der Unterbringung Wohnungsloser: „Wir bräuchten ganz dringend Wohnungsförderung, notfalls die Umwidmung von Gewerberäumen in Wohnräume, um alle unterzubringen. Wir bräuchten höhere Standards für Wohnungslose. Gerade durch Corona ist nochmal deutlich geworden: Einzelzimmer müssen Standard sein, um Infektionsketten gar nicht erst in Gang zu bringen. Jeder Mensch ist so viel Wert, wie der andere auch. Wir sollen Abstand halten aber muten den Betroffenen von Wohnungslosigkeit zu, in Mehrbettzimmern zu liegen. Das ist inhuman. All das wären unmittelbare Maßnahmen, die das Leben für Menschen, die in Armut leben, erleichtern würden.“

Die Forderung Ansens richtet sich klar an die Stadt Hamburg. Und doch brauchte es im April das Wirtschaftsunternehmen Reemstma, das mit einer Spende in Höhe von 300.000 Euro die Einzelunterbringung von Obdachlosen in leerstehenden Hotels ermöglichte. Mit Hilfe einer zweiten Spende des Tabakkonzerns konnte die Unterbringung um einen weiteren Monat verlängert werden. Durch die Unterstützung von Reemstma konnten viele obdachlose Menschen in eine Wohnung und teilweise sogar wieder in die Berufstätigkeit vermittelt werden. Die Aktion hat bewiesen, was Susanne Groth, Vorsitzende Leben im Abseits e.V., seit langem fordert: Housing First, wie es in Berlin oder Finnland bereits umgesetzt wird. Obdachlose bekommen dort eine Wohnung gestellt, um zur Ruhe zu kommen. Sie müssen nicht zuerst clean oder trocken werden und für eine Kaution sparen. Sie können erst zur Ruhe kommen und sich dann gemeinsam mit ihrer Betreuung überlegen, wie es weitergeht.

Dass Ansen mit seiner Einschätzung zur Vermögensverteilung völlig richtig liegt, erleben wir regelmäßig, wenn wir den Bus der Obdachlosenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes begleiten, der immer montags und donnerstags auf der Hamburger Mönckebergstraße Essen und Sachspenden wie Kleidung und Kosmetik verteilt. Es sind bei weitem nicht nur obdachlose Menschen, die das Hilfsangebot in Anspruch nehmen. Es sind auch Menschen, die durchaus eine kleine Wohnung haben, aber das Geld dann einfach nicht mehr für Essen, Kosmetik oder gar Kleidung reicht. Das geht auch denen so, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Ihre Rente ist so klein, dass sie zweimal wöchentlich vor Karstadt stehen, um in der Schlange geduldig darauf zu warten, dass sie Sandwiches oder eine warme Mahlzeit bekommen, mit Glück etwas Kosmetik, die die Drogeriekette Budnikowsky spendet oder ein Kleidungsstück aus der Kleiderkammer.

Ansen bringt es auf den Punkt: „Es gibt eine Fülle von Untersuchungen, die sagen: Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit haben ein höheres Maß an Zufriedenheit, ein höheres Maß an Gesundheit und geringere gesellschaftliche Verwerfungen. Es geht also auch um die Frage, wie die Gesellschaft insgesamt zufriedener leben kann.“

Das gesamte Interview finden sie hier.

Der Verein Leben im Abseits (bei dem wir uns ganz herzlich für das Beitragsbild bedanken) hat die eigentliche Dialogreihe zum Thema Obdachlosigkeit mit Beginn der Pandemie inhaltlich angepasst und in ein digitales Format überführt. Entstanden ist ein sehr umfangreiches Archiv von interessanten und informativen Gesprächen mit unterschiedlichen Akteuren verschiedener sozialer Einrichtungen. Die gesamten Dialoge finden Sie hier.

 

 

 

 

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