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Ethik & Gesellschaft

Kann man das Sprechen verlernen?

Heute ist Tag der Senioren – ein Grund mehr, den älteren Menschen in unserer Gesellschaft ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn insbesondere durch die Corona-Krise und ihre Folgen in der Kontaktbeschränkung, haben die Menschen zu kämpfen, denen der ständige Kontakt zu anderen Menschen schon vor dieser Zeit gefehlt hat. Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Folgen durch Corona und auch die durch Einsamkeit hervorgerufenen Folgen.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 21. August 2020

Ulrich Lillie ist erschüttert als er nach seiner 2500-Kilometer-Tour durch Deutschland und die Einrichtungen der Diakonie, also Pflegeheime, Kliniken und Werkstätten zurückkehrt. „Es war eine stille Katastrophe, was sich dort im Lockdown abgespielt hat, mit ganz, ganz vielen Einzelschicksalen.“, erklärt der der Theologe und seit 2014 Präsident der Diakonie.

Das Hauptproblem bestand insbesondere für die Pflegeeinrichtungen darin: Schutzkleidungen, Desinfektionsmittel und Testmöglichkeiten zu beschaffen als die Krise akut war. Auf diese Situation war niemand vorbereitet, aber wenn aufgrund von fehlendem Material in einem bayrischen Pflegeheim binnen vier Wochen fast ein Drittel der Bewohner wegstirbt, ist etwas in unserem System komplett falsch. Der Leiter dieser Einrichtung kämpft noch heute mit starken Schuldgefühlen für diese vielen Schicksale, bei denen er hilflos war. Die Pflege ist schon im normalen Alltag ein sehr belastender Beruf, wenn diese Krise nicht richtig aufgearbeitet wird, befürchtet Lillie, dass viele Pfleger auf dem Weg verloren gehen werden. Die geforderte Hilfe zielt sowohl auf eine psychische Behandlung, als auch auf eine entsprechende, bessere Vergütung der Pflegekräfte ab. Denn den Bonus von 1500 Euro, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Pflegekräften versprochen hat, kommt längst nicht bei allen an. „Die Pflege ist systemrelevant. (…) Deshalb ist eine systematische Aufwertung der Pflegeberufe notwenig: durch eine bessere tarifliche Bezahlung und zugleich durch eine tief greifende Strukturreform der Pflegeversicherung.“, erklärt Lillie.

Wie wichtig eine gute Pflegekraft ist, beweist einmal mehr die Lockdown-Zeit. In Alters- und Pflegeheimen wohnen größtenteils Menschen, die am Ende ihres Lebensweges stehen. Freunde und Familie haben sie vielleicht schon verlassen und wenn noch der Kontakt zu diesen besteht, ist es der wichtigste Anker und Austauschmöglichkeit, in einem sonst sehr einsamen Alltag. Das trifft sicherlich nicht auf alle zu, aber wenn ich allein an meine Großmutter denke, die mit einer großen Familie gesegnet ist, die alle in Hamburg wohnen, in einer Altersresidenz ist, wo sie liebevoll umsorgt wird – sie hat die strikte Lockdown-Zeit fast kaputt gemacht. Ich habe meine Omi noch nie viel weinen sehen, in dieser Zeit war es Bestandteil eines jeden Gespräches. „Ich verlerne zu sprechen, Marie.“, hat sie mir häufig mit belegter Stimme am Telefon gesagt. Und noch mal: es gibt viel dramatischere Schicksale von Einsamkeit, als meine Omi. Einsame, häufig alte Menschen, die daran kaputt gehen.

Welche Schlüsse sollten aus dieser Zeit gezogen werden? Ist es möglich, eine ähnliche Diskussion wie in der Schulpolitik anzustoßen und eine Forderung nach Digitalisierung anzugehen? Denn auch innerhalb der Gruppe der Senioren sind die Nutzung von digitalen Angeboten je nach Bildungsstand und Einkommen ungleich verteilt. Das geht auch aus dem „Achten Altersbericht“ hervor, der dem Bundeskabinett am 12. August diesen Jahres vorgelegt wurde. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beteuert, dass die Empfehlungen der Forscher eine wichtige Grundlage für die Seniorenpolitik in der Regierung sein werden: „Es geht nicht nur um das Skypen mit den Enkelkindern oder das Einkaufen übers Internet. Es gehe um echte Teilhabe oder Zugang zu Informationen für ältere Menschen.“

Meine Omi hat seit Weihnachten ein iPad und eigentlich macht sie es auch gar nicht so schlecht. Wenn Sie es regelmäßig benutzt kriegt sie es hin. Sind ein paar Tage oder Wochen dazwischen wird es schwer. Es bleibt wie beim regelmäßigen Anruf oder Besuch: wir müssen uns um diese Menschen kümmern. Vielleicht rufen Sie jetzt direkt bei Ihren Großeltern an oder schauen vorbei, dafür sollte doch immer Zeit sein.

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