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Ethik & Gesellschaft

Ein Nein reicht

Die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen ist in der heutigen Zeit aktueller denn je. In den letzten Jahren wurden insbesondere viele Fälle publik, in denen berühmte Männer ihre Machtpositionen ausnutzten, um Frauen sexuell zu belästigen oder zu missbrauchen: Jeffrey Epstein, Harvey Weinstein, Bill Cosby. Und diese Liste ist noch viel länger. Vielen Frauen, die den Mut finden ihre Peiniger öffentlich zur Verantwortung für ihre Taten zu ziehen, werden oftmals mit einer Welle an Solidarität unterstützt. Aber es gibt auch immer die Stimmen, die diesen Frauen vorwerfen, dass sie nur Aufmerksamkeit suchen und die Schuld nicht bei den Tätern, sondern bei den Opfern selbst suchen (= Victim Blaming). Auch das Rechtssystem, dass diese überlebenden Frauen eigentlich schützen sollte, sucht die Schuld nicht nur bei den Tätern. Allein die Frage „Welche Kleidung trugen sie?“ impliziert bereits, dass Überlebende einen Teil der Schuld immer bei sich selbst suchen müssen. Es ist also kein Wunder, dass viele Überlebende ihre Hoffnungen nicht mehr in die Rechtsprechung legen, sondern andere Wege suchen, um andere Frauen zu schützen und ihre Erlebnisse öffentlich zu machen.

Veröffentlicht von Anna-Katharina Haag am 27. Juli 2021

In den sozialen Medien wurden in der letzten Zeit viele Fälle von sexuellen Übergriffen gegen Frauen bekannt. Warum? Nun, auf Instagram beispielsweise geben viele Accounts Frauen eine Stimme, die aufgrund von Angst oder Scham anonym über die sexuellen Übergriffe und Gewalt gegen sie berichten wollen (unter anderem der Account ein_nein_reicht). Bei den Peinigern handelt es sich unter anderem um bekannte Tattoo-Künstler oder Rapper. Viele Frauen berichteten, dass sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen wurden, obwohl sie diesen nicht eindeutig zugestimmt haben. Einige berichteten sogar davon, dass sexuelle Handlungen im Schlaf oder unter Alkohol- und Drogeneinfluss an ihnen vorgenommen wurden. Neben Solidarität gibt es auch hier wieder viele Menschen, die diesen Frauen nicht glauben und sich an der Unschuldsvermutung der Täter festklammern oder die Schuld zuerst bei den Überlebenden suchen. Nika Irani, ebenfalls eine überlebende Frau von sexueller Gewalt und sexuellem Missbrauch, hat es in ihrem Interview aus diesem Jahr im Spiegel zu 100 Prozent auf den Punkt gebracht: „Ich habe als Erotikmodel den gleichen Respekt verdient wie eine Richterin“. Ihr wurde ebenfalls vorgeworfen, dass sie nur Aufmerksamkeit suche und sie teilweise nicht authentisch wirke, weil Überlebende sexueller Gewalt – der vorherrschenden Meinung nach – nach außen anscheinend nicht laut, stark und selbstbewusst auftreten dürfen. Neben dem Misstrauen sehen sich viele Überlebende ebenfalls mit Drohungen gegen sie konfrontiert, weil ihre Peiniger dadurch hoffen, dass sie hierdurch zurückweichen und ihre Angst sie lähmt, um weitere Schritte zu gehen. Wieso aber wird die Schuld nicht alleine beim Täter gesucht, sondern auch immer wieder bei den Überlebenden?

In einer Repräsentativbefragung des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) aus dem Jahr 2017 wurde der Frage nachgegangen, welche Vorstellung Jugendliche von Musikvideos haben und welche Bedeutung sie für die Entwicklung von Idealen von Männern und Frauen haben. Befragt wurden 748 Jugendliche im Alter von 13 bis 19 Jahren, außerdem wurden die TOP-100- Chartvideos in Deutschland und den USA aus den Jahren 2015 und 2016 analysiert. In den Videos werden Frauen zwar oft besungen, allerdings stellen sie meistens die sexuelle Fantasie der Männer dar. Oftmals werden in diesen Videos nicht einmal die Gesichter der Frauen gezeigt, sondern die Videoführung konzentriert sich auf den Brust- oder Po Bereich. Diese Übersexualisierung der Frau wird Kindern und Jugendlichen als normal präsentiert und färbt damit auch auf das Rollenverständnis ab. Hier sehen viele Experten auch einen Ursprung für eine niedrigere Hemmschwelle bei sexuellen Übergriffen. Frauen werden seit Jahrhunderten gerne im sexuellen Kontext präsentiert und sahen ihren Lebensinhalt in früherer Zeit meistens nur darin, Kinder zu bekommen und ihrem Mann und seinen Entscheidungen zu folgen. Dieses Frauenbild ist leider auch heutzutage teilweise noch präsent und die Frau wird oftmals in ihrer Rolle degradiert.

In einem Instagram Posting wurden Frauen einmal dazu befragt, was sie tun würden, gäbe es keine Männer auf der Welt. Eine der häufigsten Antworten war „Nachts alleine und ohne Angst spazieren zu gehen“. Diese Aussage ist auf so vielen Ebenen erschreckend und traurig zugleich, denn sicherlich kennt die Mehrheit der Frauen (wenn nicht sogar jede Frau) das mulmige Gefühl, im Dunkeln alleine nach Hause zu laufen und bereits eine mögliche Waffe gegen einen Übergriff bereit zu halten.

Wenn wir also davon ausgehen, dass Sexismus und Gewalt gegenüber Frauen bereits seit Jahrhunderten praktiziert wird und Kindern und Jugendlichen bereits seit der frühsten Kindheit fast schon als Normalität begegnet, sollten wir dann nicht bereits hier ansetzen, um die späteren Generationen von Frauen vor sexuellen Übergriffen zu schützen? Sollten wir unseren Kindern nicht bereits so früh wie möglich beibringen, dass Frauen den gleichen Respekt verdienen wie Männer? Egal wie freizügig sie sich kleiden, welchen Beruf sie ausüben oder mit wie vielen Männern sie bereits sexuellen Kontakt hatten? Sollten wir ihnen nicht ausdrücklich sagen, dass ein Nein reicht?

Weiterführende Literatur und Quellen finden Sie unter:

Frauen als Objekte in der Männerdomäne – news.ORF.at

Internationales Zentralinstitut: Forschung im IZI (br-online.de)

 

Hilfsangebote für Überlebende sexueller Gewalt/ sexuellen Missbrauchs:

Startseite – Hilfeportal Sexueller Missbrauch (hilfeportal-missbrauch.de)

profamilia.de: Sexuelle Gewalt

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