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Kinderschutz

Ambulante Kinderhospizbegleitung – meine persönlichen Erfahrungen Teil 2

Es ist noch nicht all zu lang her, dass ich hier von meinen Erfahrungen als Kinderhospizbegleiterin gesprochen habe und doch tue ich es heute wieder, denn Mia ist Ende Januar gestorben – wie sagt man das so schön: über die Regenbogenbrücke gegangen. Ich würde Sie gerne an meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Abschied nehmen, dem Sterben und dem Tod eines Mädchens, das ich nach sechs Monaten wirklich ins Herz geschlossen habe, teilhaben lassen. Mia ist so schön gestorben, wie ein Kind mit nicht einmal vier Jahren sterben kann. Ich werde Sie, wenn Sie mögen, mitnehmen und den Tag, so wie ich ihn erlebt habe, beschreiben, an dem Mia körperlich die Erde verlassen hat.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 3. Mai 2021

Schon zum Zeitpunkt des ersten Berichts ging es Mia nicht mehr so gut. Sie schlief viel, wenn sie wach war, wünschte sie sich aber die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Nicht nur die Pflegekräfte, nein auch ihre Mutter, sowie ihren Bruder und mich hatte sie gerne um sich, wollte an dem teilhaben, was wir so erleben. Wenn wir das Zimmer verließen äußerte sie durch lautstarkes Brummen ihr Missfallen. Auch Max, ihr Bruder, nahm die Veränderung des Gesundheitszustands seiner Schwester wahr. Während wir am Anfang der Begleitung stets und ständig im Wohnzimmer gespielt haben, hat es ihn mit der Verschlechterung des Allgemeinzustandes von Mia immer mehr zu ihr gezogen. Er erkennt, dass er bei Gefahren oder brenzlige Situationen am besten zur Seite gehen sollte und pausiert jedes Mal sein spielen. Er erwartet die Aufmerksamkeit von mir oder seinen Eltern erst, wenn die Situation sich wieder beruhig hat. Ein Phänomen, dass ich so zum ersten Mal bei Geschwisterkindern bemerkte. Max bezieht Mia in sein Spielen und lässt seine Autos über ihr Bett fahren was ihr so gut gefällt, dass sie nicht selten einem Lächeln oder Quicken von sich gibt. Im Mittelpunkt zu stehen bzw. zu liegen gefällt ihr. Nichts freut sie mehr als von allen umringt zu sein.

So kam es seit Mitte Dezember 2020 immer wieder dazu, dass sie ihren Kopf wegdrehte, wenn ich mich verabschieden wollte. Ihr gefiel es nicht, dass das Spielen nun vorbei sein sollte. Immer wenn sie das tat sagte ich ihr: „Mia, ich muss auch mal nach Hause, es wird schon dunkel, Dein Bruder muss ins Bett und Du musst noch was essen. Doch bevor ich gehe möchte ich mich von Dir verabschieden, bis nächste Woche Donnerstag.“ Nachdem ich ihr mitteilte, dass ich auch beabsichtige wieder zukommen dreht sie widerwillig ihren Kopf zu mir, sodass ich mich entsprechend verabschieden kann. Für mich war es wirklich wichtig, mich zu verabschieden, denn in der Situation, ein lebensverkürzterkrankes Kind zu begleiten, wird mir mehr denn je bewusst, dass es das letzte Treffen vor dem Tod ist. Zum Thema Abschied nehmen und der Bedeutung für die meisten von uns, komme ich später noch einmal. An den Donnerstagen vor ihrem Tod habe ich gedanklich immer noch hinzugefügt: „Mia, ich weiß das ist egoistisch, aber gib mir verdammt nochmal die Möglichkeit mich von Dir zu verabschieden, Du bist mir wichtig!“ Und ob Sie es glauben oder nicht, sie hat mir diesen Gefallen getan und somit kommen wir zu dem letzten Donnertag von Mia.

Für mich fing der Tag ganz normal an. Ich ging zur Arbeit und verbrachte den Vormittag ohne weitere Vorkommnisse. Meine engeren Arbeitskollegen und mein Vorgesetzter wussten von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit und auch, dass sich die Lage ein wenig verändert hatte. Schon vor diesem Donnerstag besprachen wir, dass es vollkommen in Ordnung sei, wenn ich meinen Arbeitstag eher beenden würde, sollte die Familie mich brauchen. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Team bedanken, die mir die Möglichkeit gegeben haben die Familie zu unterstützen. Ich weiß, dass ist nicht selbstverständlich, Danke!

Ich bekam in meiner Mittagspause eine Anruf der Mutter, mit der Frage ob ich eher kommen könnte, um Max aus dem Kindergarten abzuholen und ein bisschen Zeit außerhalb der Wohnung zu verbringen, Mia ginge es nicht so gut. Mein Bauchgefühl sagte mir, da stimmt etwas ganz und gar nicht. Max und ich verbrachten den Nachmittag draußen, gingen spazieren und machten immer wieder Picknicks, bis wir in die Wohnung gingen. Die Stimmung wahr ruhig, friedlich, aber in jedem Fall traurig. Mia war nicht mehr in ihrem Bett. Sie lag ohne Beatmungs- und Ernährungsschlauch, wunderschön angezogen im Arm der Mutter. In ihrer rosafarbenen Stickjacke, auf der Schmetterlinge und Blumen waren, sah sie aus wie eine kleine Elfe. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie atmete eigenständig. Das Morphium war seit Tagen entsprechend hoch eingestellt, um ihren Übergang in den Tod so schmerzfrei und leicht wie möglich zu gewährleisten. Eine Pflegekraft des Kinder-Palliativ-Care Team KinderpaCT war vor Ort, um die Familie medizinisch zu unterstützen. Max zog es zu Mia, er streichelte sie und wollte dann im Wohnzimmer weiterspielen. Vielleicht war das sein Abschied, ich weiß es nicht, aber er wollte ungern zurück zu Mia und ihrer Mutter, also spielte er mit seinem Vater während ich mir die Zeit nahm mich gebührend von Mia zu verabschieden. Ich sagte ihr, dass ich verdammt viel von ihr gelernt habe, obwohl wir uns nur so kurz kennenlernen durften. Ich bedankte mich, für die schönen Momente mit ihr und stellte noch einmal fest wie neidisch ich auf ihre ultralangen, wunderschön geschwungenen Wimpern war. Weiter wünschte ich ihr alles Gute, da wo sie nun bald hingehen würde und bat sie darum, sich das alles ganz genau anzugucken, damit ich mich an sie wenden kann, wenn ich die Regenbogenbrücke irgendwann überquere. Ihre Mutter sagte ihr in diesem Zuge, sie sollte tanzen, laufen, singen und all die Dinge tun, die ihr auf der Erde nicht vergönnt waren. Ja, genau das sollte sie tun, sie sollte es dort, wo sie hinging genießen, aber auch ihre Familie gut im Auge behalten. Denn sind wir mal ehrlich Mia, Du hast eine wahnsinnig tolle und liebenswerte Familie, die genauso stark war und hoffentlich bleibt, wie Du gekämpft hast.

Während ich in der Wohnung der Familie war, habe ich versucht stark zu sein, wollte der Familie keine Last sein, wenn ich weine, doch als mir die ersten Tränen die Wange runtergelaufen sind, war die einzige und ehrliche Reaktion der Familie: „Pia, wir würden Dich so gerne in den Arm nehmen, danke, dass Du hier bist und auch während Corona an unserer Seite bist. Wir sind davon überzeugt, dass Mia sich genau diesen Tag ausgesucht hat. Der Tag ist sonnig, ihr Bruder hat seine Piiiaa um sich und wir können uns alle verabschieden.“ Und genau so war es.

Ich bin verdammt stolz und dankbar diesen Moment des Abschiednehmens erlebt zu haben. Nachdem ich die Wohnung verlassen habe, sind alle Dämme gebrochen. Ich hatte mich schon gewundert, dass ich es so lang zurückhalten konnte, aber dafür kamen die Gefühle jetzt mit voller Macht. Trauer, Wut, Fassungslosigkeit, Dankbarkeit, Ehrfurcht, Freude und Erschöpfung, alles und vor allem auf einmal. Ich bin ein ganzes Stück zu Fuß gegangen, habe meinen Tränen freien Lauf gelassen, die Gefühle anerkannt und zugelassen und die frische klare Abendluft auf mich wirken lassen.

Mia ist an dem Donnerstag kurz nachdem die Pflegekraft, die wenige Momente nach mir die Wohnung verlassen hat, in den Armen ihrer Eltern gestorben. Mia hat ihrer Mutter die wahnsinnige Ehre erteilt, den ersten und den letzten Herzschlag ihrer Tochter spüren zu dürfen. Auch wenn sich das kein Elternteil wünscht.

Am folgenden Tag wurde Mia in das Kinderhospiz Sternenbrücke gebracht. Dort gibt es einen Raum des Abschied, der den Familien zur Verfügung steht, um sich im Kreise ihrer Liebsten noch einmal von dem verstorbenen Kind zu verabschieden. Der Raum dient aber auch der Erinnerung an schöne Zeiten und Momente. Ich hatte ebenfalls die Ehre, die Familie zu begleiten und mich noch einmal von den leblosen Körper zu verabschieden. Glauben Sie mir es wirkt wahre Wunder.

Abschied nehmen ist so verdammt wichtig, um Trauerarbeit zu leisten. Dem Menschen sagen zu können, was einem besonders gut an ihr/ihm gefallen hat, was man dem Menschen wünscht und dass man keine offenen Themen mehr hat ist so wichtig. Nicht nur für die Sterbenden, sondern auch für Sie selbst. Mia war sechs Monate Teil meines Lebens und sie hat auch weiterhin einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, hätte ich ihr das nicht noch einmal sagen können, wäre es für mich schwieriger gewesen mit dem Tod zurecht zu kommen. Auch die Leichenschau, hat für mich an Bedeutung gewonnen. Der Mensch verändert sich und zu sehen, dass die Seele aus dem Körper und an einem anderen Ort ist, hat mir ungemein geholfen und hilft mir auch jetzt bei der Trauerarbeit.

Ich hoffe Sie konnten mir folgen, gerade wenn es um so viele Eindrücke, Regungen und Gefühle geht ist es ja nicht immer leicht den roten Faden zu behalten. Außerdem wünsche ich mir, dass ich Ihnen ein wenig die Angst vor dem Thema Tod nehmen konnte und Sie ebenfalls sehen können, dass Mia schön gestorben ist. Natürlich viel zu früh, ich hätte ein so tolles, starkes und schönes Mädchen gerne weiter um mich, aber ich bin davon überzeugt, da wo sie jetzt ist, zeigt sie allen wo der Hase lang läuft.

Auch dieses Mal möchte ich Ihnen anbieten mich zu kontaktieren, sollte es Fragen oder Regungen in Ihnen geben, die Sie gerne mit mir besprechen möchten. Im Rahmen meiner Möglichkeiten stehe ich Ihnen gerne mit meinem Rat und meinen Erfahrungen zur Seite.

Im Eingangsbereich des Kinderhospiz Sternenbrücke erhält jedes Kind, dass gestorben ist, einen Platz an der Wand. Für das kürzlich verstorbene Kind wird die Kerze in der Laterne angezündet und der Name auf einen Stern geschrieben.
Foto: Pia Kracke

One thought on “Ambulante Kinderhospizbegleitung – meine persönlichen Erfahrungen Teil 2”

  1. Liebe Pia, wie schön, dass es Menschen wie Dich gibt, die mit Empathie und Herzensbildung diesen Familien zur Seite stehen. Chapeau und DANKE!

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