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Kinderschutz

Ist dieser Lockdown das Falscheste?

Der zweite Never-Ending Shutdown zerrt an den Nerven vieler. Die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Der Journalist Hajo Schumacher beschreibt die Corona-Zeit als „hochmürbend“. Schon wurde „Lockdown“ zum Anglizismus des Jahres gekürt. Da trifft ein hochemotionales, 14-minütiges Instagram-Video der Journalistin Marlene Lufen einen Nerv und generiert innerhalb weniger Tage knapp 11 Millionen Aufrufe und 34.000 Kommentare. Sie rückt u.a. die Themen Depression, Gewalt, Sucht, Einsamkeit, Armut und Existenzangst in den Fokus.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 10. Februar 2021

Der Druck auf dem Kessel in Zeiten der Grundrechtseinschränkungen wächst. Die Alarmsignale sind vielfältig. Im ersten Jahr der Pandemie attestierten die Bürger der Regierung und den getroffenen Virus-Eindämmungsmaßnahmen einen Zufriedenheitswert bis in den Herbst hinein von um die 60 Prozent. Anfang Februar 2021 kippte die Stimmung. Nach dem aktuellen Deutschlandtrend von Infratest Dimap sind nur noch 42 Prozent der Befragten „zufrieden“ mit dem Corona-Management der Bundesregierung. Da ist zum einen das Impfstoff-Chaos ein Trigger, zum anderen aber äußern 77 Prozent der Deutschen die Sorge, „dass Kinder wegen eingeschränkter Betreuungs- und Schulangebote in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.“

Tatsächlich gibt es Indikatoren, die nachdenklich stimmen. Allein in Hamburg stieg 2020 die Anzahl der Suizide und Suizidversuche um 8,1 Prozent auf 2.335. Fälle vorsätzlicher Körperverletzung in Partnerschaften nahmen ebenfalls deutlich um 13,4 Prozent auf 3.547 zu. Zum Anstieg der Gewalt an Kindern in der Hansestadt gibt es noch keine verlässliche Statistik. Aber die Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité registrierte im ersten Halbjahr 2020 insgesamt 783 Fälle. Das entspricht einem Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Kindesmisshandlungen ist dabei besonders stark gestiegen – um 23 Prozent.

Marlene Lufen (50) ist das Gesicht des SAT.1-Frühstücksfernsehens. Sie war Schirmherrin des HanseMerkur Preises für Kinderschutz im Jahre 2012 und unterstützt engagiert den TV Schiefbahn 1899 e.V., unseren Hauptpreisträger aus dem selben Jahr. Der Verein bietet ein inklusives Sportangebot für Jugendliche mit und ohne Behinderungen im Alter von drei bis 18 Jahren. Die Auswirkungen des Lockdowns – insbesondere auf Kinder und ihre Familien – ließen sie nicht mehr ruhen, ja sogar schlecht schlafen. Sie recherchierte intensiv und fand u.a. heraus, dass die Nummer gegen Kummer (HanseMerkur Hauptpreisträger 2010) von Kindern im ersten Pandemie-Jahr 461.000 mal angewählt wurde, was einer Steigerung von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Gleiches gilt für das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, das ab April 2020 einen sprunghaften Anstieg an Beratungen von 15 – 20 Prozent verzeichnete. Lufen sagt: „Ich hab das Gefühl, dass wir in zwei, drei Jahren zurückgucken auf diese Zeit – und dass wir denken, wir haben’s falsch gemacht, dieser Lockdown war das Falscheste, was wir hätten machen können. Zumindest über so einen langen Zeitraum.“

Am 3. Februar 2021 sagt die Journalistin auf stern TV: „Wir sehen immer nur auf die Zahlen der Infizierten. Aber jetzt ist es an der Zeit, nicht länger den Blickwinkel auf die Menschen in Not zu relativieren. Ich bin dabei nicht gegen die Maßnahmen, aber wir müssen den Lockdown besser machen.“ Am 8. Februar bekommt die Journalistin beim Heimsender SAT.1 sogar eine Sondersendung: „Deutschland im Lockdown“. Wohltuend: sie hat keine Virologen, Politiker oder Lobbyisten eingeladen, sondern Betroffene und Kämpfer an der Corona-Front wie Charis Krüger, eine Mental Health Bloggerin, die seit zehn Jahren an Depressionen leidet, wie Alexander Löher, den Bezirksschülersprecher der Gymnasien Oberbayern-West, wie Sternekoch Tim Raue, der sich Sorgen die Ausbildung seiner Azubis macht und die Kinder- und Jugendmedizinerin Dr. Karella Easwaran, die die verheerenden Auswirkungen der sozialen Isolation auf die kognitiven Entwicklung junger Menschen beschreibt. Zugeschaltet aus Frankfurt a.M. wurde Manuela Kraft, Angestellte eines ambulanten Pflegedienstes.

Der Abiturient Alexander Löher berichtet von der subtilen Zukunftsangst in seiner Generation, erlebt viele Mitschüler als gereizt und gebeutelt, fürchtet später als Absolvent eines minderwertigen „Corona-Abiturs“ abgestempelt zu werden. Er habe gerade von einer Schülerin gehört, dass sie seit 48 Stunden nicht mehr geschlafen habe, da sie sich nicht mehr auspowern könne. Und er registriert, dass die Starken und Resilienten weniger würden, je länger der Lockdown dauere. Seinen Berufswunsch Pilot musste er bereits wegen des Personalabbaus bei den Airlines und der Schließung der Flugschulen an den Nagel hängen. Jetzt möchte er Politikwissenschaften und Journalismus studieren. Nur, so sein Fazit, diesen Plan B hätten viele jungen Leute gerade nicht in der Tasche.

Tim Raue, einer der weltweit Top 50-Spitzenköche, hat in seiner Kindheit selbst häusliche Gewalt erlebt und floh aus der familiären Situation in den gastronomischen Lehrberuf. Im Lockdown bildet er zwar weiter aus und bietet Take-Away an, hadert aber damit, dass Ausbildungsgehälter nicht unter die Kurzarbeitergeldregelung fallen. Noch dramatischer sei es, dass die versprochenen November-Hilfen noch nicht ausgezahlt worden seien. Er nimmt dieses staatliche Versäumnis durchaus persönlich: „Menschen zu demütigen ist das Schlimmste, was man ihnen antun kann.“ Bei seinen Azubis merkt er, wie sich die Einschränkungen in sie reinfressen. Er müsse sie derzeit viel öfter verbal in den Arm nehmen.  

Charis Krüger leidet daran, dass sie ihre Therapeutin im Lockdown nicht treffen kann. Therapie am Telefon sei mehr als befremdlich. Die Wucht der Emotionen bliebe so bei ihr zuhause, die Panikattacken in Supermärkten nähmen zu, die pure Angst des Alltags sei wieder allgegenwärtig.

Die niedergelassene Ärztin Dr. Karella Easwaran sieht zunehmend Achtjährige, die weinen und nicht mehr aufstehen wollen. Sie erlebt in ihrer Praxis Jugendliche mit suizidalen Gedanken und macht dafür die Störung neurologischer Entwicklungswege verantwortlich. Beim Fehlen menschlicher Interaktion würden keine Botenstoffe gebildet, die vor Angst und Depression schützen bzw. Resilienz erst ermöglichen. Kinder bräuchten aber Interaktion und Bewegung. Zudem sei der Stress der Eltern im Homeoffice Gift für ihre Seele. Familien bräuchten daher dringend Perspektiven, um noch schwere Persönlich- keitsstörungen bei den Kindern abwenden zu können.

Manuala Kraft, die als ambulante Pflegerin mit körperlich und geistig eingeschränkten älteren Menschen arbeitet, therapiert zunehmen mit Reden und Zuhören. Sie sei für viele in deren kleinen Wohnungen nach dem Verlust aller Sozialkontakte der einzige Kontakt zur Außenwelt. Viele stellten sich die Frage: „Was habe ich verbrochen, warum bin ich eingesperrt?“ Andere haben in den Nachrichten Bedrohliches aufgeschnappt und fragten sie: „Warum bin ich das Risiko?“ Angst und Isolation als toxische Mischung gingen bei ihren Kunden nicht selten mit einem geistigen und körperlichen Verfall einher. Und bei vielen frage sie sich: Schaffen die es noch, nach Corona das Haus noch einmal zu verlassen?

Fünf unterschiedliche Perspektiven auf Deutschland im nun schon acht Wochen andauernden Lockdown. Verstörende Momentaufnahmen, die es verdienen, gehört und ernst genommen zu werden. Ernst, wie auch andere Aspekte jenseits von Inzidenzen, Reproduktionszahlen, Virus-Mutationen und Todesfällen. Marlene Lufen sagt in ihrem Instagram-Video, das wir unten unbedingt zum Nachschauen empfehlen: „Jedes Mal, wenn in den Nachrichten einer sagt, ‚wir müssen nochmal die Zähne zusammenbeißen, dann ist es auch durchgestanden mit der Pandemie‘, hat irgendein Kind zu Hause die Faust im Gesicht, wird irgendeine Frau geschlagen, überlegt ein Jugendlicher in psychischer Not, ob er sich von der Brücke stürzt.“ Die Diskussion dauert an…

Hier finden Sie den Link zum 14-Minuten-Video von Marlene Lufen, das sie am 31. Januar auf Instagram gepostet hat.

One thought on “Ist dieser Lockdown das Falscheste?”

  1. Lieber Herr Wilkens, danke, dass Sie mit Ihrem Beitrag und den Links auf diese wichtigen Themen aufmerksam machen. Schade, dass die Entscheidungsträger für den Lockdown, den HanseMerkur Blog nicht abonniert haben.

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