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Kinderschutz

Kinder auf der Flucht haben Rechte!

Zum gestrigen Weltflüchtlingstag weisen eine Vielzahl von Kinderrechtsorganisationen auf die prekäre Lage geflüchteter, teils auch unbegleiteter Kinder und Jugendlicher hin. Ihre Erfahrungen sind erschreckend, wie ein aktueller Bericht von Save the Children zeigt. Dabei verstößt es gegen internationales Recht, diesen Kindern und Jugendlichen Hilfe zu verweigern. Ein Einblick in eine dringend zu lösende Situation.

Veröffentlicht von Tanja Johannsen am 21. Juni 2021

Laut einer aktuellen Erhebung des UN-Flüchtlingswerks UNHCR gibt es derzeit 82,4 Millionen Flüchtlinge. Das sind doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Über die Hälfte der Flüchtlinge, rund 48 Millionen, sind Binnenvertriebene, also Vertriebene im eigenen Land. 42 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Nicht viele von ihnen gelangen an die Außengrenzen Europas. Diejenigen, die es trotz der Abschottungspolitik der EU geschafft haben, leben in Griechenland entweder in überfüllten Flüchtlingscamps oder auf der Straße. Auf dem griechischen Festland sind es Hunderte geflüchtete Kinder und Jugendliche, die Dunkelziffer liegt vermutlich erheblich höher, wie das internationale Kinderhilfswerk terre des hommes zum gestrigen Weltflüchtlingstag berichtet. „Zahlreiche minderjährige Flüchtlinge sind obdachlos und völlig auf sich allein gestellt“, erklärt Thomas Berthold, Kinderrechtsexperte bei terre des hommes. „Sie sind Gefahren wie Missbrauch, Menschenhandel und Drogenkonsum ausgesetzt. Unsere Projektmitarbeiter vor Ort treffen immer wieder Minderjährige, die ein erschreckendes Ausmaß an Gewalt erlebt haben. Europa schafft es bisher nicht, Kinder und Jugendliche zu schützen, die alles verloren haben und ohne ihre Eltern auf der Straße leben müssen. Das ist beschämend.“

Verstoß gegen internationales Recht

Diesen Kindern und Jugendlichen Hilfe zu verweigern, verstößt gegen internationales Recht: Sowohl die EU-Grundrechtecharta als auch die UN-Kinderrechtskonvention schreiben vor, dass Kinder unabhängig von ihrem Migrationsstatus, ihrer Staatsangehörigkeit oder ihrem Hintergrund als Kinder behandelt werden müssen und ein Recht auf Schutz, Bildung und Beachtung ihrer Interessen haben. Nicht nur terre des hommes fordert vor diesem Hintergrund die EU und die Bundesregierung dazu auf, die EU-Grenzstaaten zu entlasten, dem Kindeswohl Vorrang zu geben und umgehend das Aufnahmeprogramm fortzusetzen, das im April beendet wurde.

Auch Save the Children ruft die Europäische Union und die Bundesregierung dazu auf, den systematischen Kinderrechtsverletzungen gegenüber Mädchen und Jungen auf der Flucht ein Ende zu setzen. Mit ihrer neuen Petition „Kinderrechte sind grenzenlos“ will die internationale  Kinderrechtsorganisation den Druck auf die Politik erhöhen.

„Kinder, die Schutz suchen, sind an den Grenzen Europas mit Unsicherheit, Chaos und Gewalt konfrontiert“, sagt Meike Riebau, Flucht- und Migrationsexpertin von Save the Children. „Dass die Regierungen der EU gewaltsame Zurückweisungen an den Außengrenzen, die illegalen sogenannten Pushbacks, sogar gegen Kinder dulden, ist ein Skandal. Dazu kommen die Verweigerung von Asylverfahren, fehlende Bildung und schlechte Gesundheitsversorgung. Europa, der Kontinent der Demokratie und Menschenrechte, kommt seiner Verpflichtung nicht nach, minderjährige Geflüchtete zu schützen und angemessen zu versorgen.“

Viele der in Europa ankommenden Kinder sind durch Kriege traumatisiert und müssen während der Flucht erneut Schlimmes durchleben. Immer wieder sind sie mit Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel und Krankheiten konfrontiert. Besonders gefährdet sind unbegleitete Minderjährige, wie ein aktueller Bericht von Save the Children zeigt. Viele müssen in leer stehenden Gebäuden oder anderen provisorischen Unterkünften übernachten, in denen sie permanent der Gefahr von Übergriffen ausgesetzt sind.

Aktueller Bericht offenbart schlimmste Bedingungen

Der Bericht, für den Save the Children mit zahlreichen geflüchteten Kindern sprach, dokumentiert die menschenunwürdigen Bedingungen auf der Fluchtroute: Auf ihrer Reise nach oder durch die EU sind viele Kinder zu Fuß unterwegs, verstecken sich unter Lastwagen und Zügen oder werden von Schleppern nachts durch Wälder und Gebirge transportiert, etwa durch den sogenannten Todespass zwischen Italien und Frankreich. Kinder erzählen, dass sie ausgeraubt und geschlagen wurden, dass sie dazu genötigt wurden, sich zu entkleiden oder dass sie festgenommen wurden.

Besonders erschreckend ist: Die Bedrohung für Kinder geht auch von Institutionen aus, die eigentlich Kinder schützen sollten. So ist es nur selten der Fall, dass Staaten beispielsweise für eine kindgerechte Unterbringung, rechtlichen Beistand und einen Vormund für unbegleitete Kinder sorgen und das Recht auf Bildung gewährleisten.

Save the Children ruft die Europäische Union auf, die Kinder vor Gewalt und anderen Formen von Misshandlung zu schützen und ihnen Sicherheit zu bieten. Die Kinderrechtsorganisation fordert ein effektives und unabhängiges Monitoring an den Grenzen sowie humanitäre Hilfe für Menschen, die an den Grenzen gestrandet sind. Darüber hinaus sollten die zumeist illegalen Pushbacks geahndet, Kinderrecht gewahrt und legale Zugangswege geschaffen werden.

Darüber hinaus fordert die Organisation, den Schutz der Kinderrechte beim Thema Migration auf dem EU-Gipfel am 24. und 25. Juni in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Recht, denn erst Ende März machte eine Rechtsanalyse im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks, Deutschen Komitees für UNICEF, Paritätischen Gesamtverbands sowie von Plan International Deutschland, Save the Children Deutschland, terre des hommes Deutschland und World Vision Deutschland darauf aufmerksam, dass die Rechte von Kindern in den Vorschlägen der Europäischen Kommission für ein Migrations- und Asylpaket nicht umfassend verankert werden. Wir dürfen gespannt bleiben, wieviel Aufmerksamkeit die Europäische Union diesem Thema widmen wird.

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